Pressestimme zu "Gauklerin der Literatur"

Aus: Rüsselsheimer Echo vom 17./18.4.2003

Mit Lachen die Geschlechterordnung aushebeln

ECHO: Haben Sie heute schon gelacht, Frau Flassbeck?

FLASSBECK: Wenn man dazu aufgelegt ist, findet sich jederzeit Anlass zu einem kleinen Unfug.

ECHO: Warum haben Sie den Humor zum Hauptthema bei Elizabeth von Arnim gemacht?

FLASSBECK: Nach der Lektüre einiger ihrer Werke habe ich begonnen, den Humor als einen denkbaren gemeinsamen Nenner der Romane zu sehen. Mit ihrem weiblichen Lachen verfolgt sie gleichzeitig ein feministisches Anliegen: Sie bestimmt selbst, worüber gelacht wird.

ECHO: Können Sie noch über die Romane lachen?

FLASSBECK: Ja, immer noch. Elizabeth von Arnims Humor überrascht stets aus Neue. Auch die Scheinnaivität ihres Schreibstils reizt sehr. Das Faszinierende daran ist die Lebensklugheit und der Kampfeswille hinter ihrem scherzenden Plauderton.

ECHO:Was macht das weibliche Lachen aus?

FLASSBECK: Lachtheoretiker sagen, Lachen sei autoritätsgefährdend. Für noch gefährlicher halten sie es offenbar, wenn Frauen lachen. In unserer Kultur galt es lange als unschicklich, wenn Frauen lauthals lachten. Bestenfalls durften sie lächeln oder kichern. Da durch Lachen die bestehenden Machtsysteme aufs Korn genommen werden, könnten Frauen dieses Machtmittel nutzen, um die patriarchalische Geschlechterordnung auszuhebeln. Weibliches Lachen musste sich also ‚Guerillataktiken’ aneignen. Elizabeth von Arnim macht das sehr subtil. Männliche Klischees von Mütterlichkeit verlacht sie, indem sie ihre eigenen Kinder als April-, Mai- und Junibabys bezeichnet und sich dabei zwischen den Zeilen selbst mit einem leistungsstarken ‚Muttertier’ vergleicht. Zu ihrer Zeit und in ihren Kreisen war das die reine Blasphemie. Daran wird deutlich, dass weiblicher Humor im Vergleich zum männlichen sich etwa so verhält wie eine Revolution zur Revolte: Die weiblichen Umsturzabsichten sind viel radikaler und weitreichender als die männlichen. Auch die Mittel sind anders: Wenn männlicher Humor eher an eine ‚napoleonische Entscheidungsschlacht’ denken lässt, gleicht weiblicher Humor eher einem subversiven Ausmanövrieren.

ECHO: Können Sie dafür Beispiele geben?

FLASSBECK: Sie macht sich über Themen lustig, über die eine Frau in der patriarchalischen Gesellschaft nicht zu lachen hat - so etwa über die Ehe oder die Liebe. Ganz harmlos betreibt sie so eine radikale Umwertung der gegebenen Geschlechterverhältnisse. In einem ihrer Romane kommt z.B. das Bild untadeliger Mutterschaft dadurch ins Wanken, dass plötzlich die Tochter sich in der Rolle findet, für ihre in Liebesturbulenzen geratene Mutter der schützende Hafen zu sein.

ECHO: Welche Stelle finden sie am komischsten bei ihrer Autorin?

FLASSBECK: Herrlich komisch ist es etwa, wenn im Roman Verzauberter April ausgerechnet im launischen, wetterwendigen, aber auch viel versprechenden Monat April starre Geschlechterhierarchien ins Wanken geraten und urplötzlich karrieresüchtige Ehemänner ungewohnt zarte, nachgiebige Seiten an sich entdecken."

(Madeleine Reckmann)

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