Pressestimme zu "Käthe, meine Mutter"

Aus: Psychologie Heute, Thema des Monats: Mütter und Töchter, Juli 2002

"Die feministische Wissenschaftlerin und Schriftstellerin Marianne Krüll macht sich Gedanken darüber, wie eine Aussöhnung zwischen Töchtern und Müttern gelingen kann.

PSYCHOLOGIE HEUTE: Frau Dr. Krüll, Sie haben ein Buch über Ihre Mutter Käthe geschrieben und 25 Jahre nach deren Tod veröffentlicht. Welches Motiv hatten Sie, dieses Buch zu schreiben?

MARIANNE KRÜLL: Ich wollte andere Frauen dazu anregen, sich mit der eigenen Mutter auseinander zu setzen. Denn ich sehe in der Mutter-Tochter-Problematik, jenseits vom jeweiligen individuellen Schicksal, einen großen gesellschaftlichen Aspekt. Die Mutterrolle ist in männlich dominierten Gesellschaften so widersprüchlich, dass eine Mutter eigentlich nichts richtig machen kann. Wenn sie sich auf die Kinder konzentriert, das eigene Leben hinten anstellt, wird ihr ganz schnell zum Vorwurf gemacht, sie sei überbehütend. Wenn sie Selbstverwirklichung für wichtig hält, ist sie eine vernachlässigende Mutter. Alles, was mit den Kindern passiert oder nicht passiert, wird ihr angelastet ...

..PSYCHOLOGIE HEUTE: ... Sie schreiben in ihrem Buch an die Adresse der Mutter gerichtet: ‚Ich war nicht frei, die Welt um mich herum zu entdecken, denn du kontrolliertest jeden meiner Lernschritte ... Gleichaltrige Freunde hatte ich nicht, vermisste sie aber auch nicht. Du, meine Mutti, warst mir genug.’ Diese Art von ‚emotionaler Verstrickung’ kennen viele Töchter. Sind denn wirklich nur die gesellschaftlichen Verhältnisse schuld?

MARIANNE KRÜLL: Nicht nur. Ich versuche immer auch zu verstehen, warum eine Frau gerade zu dieser Mutter geworden ist. Das heißt zum Beispiel: Ich betrachte die Herkunftsfamilie. Was immer vergessen wird: Wir ignorieren die unbewusste Tiefe unserer Seele, unseres ganzen Seins. Es ist all das Unbewusste, das Unterschwellige, das uns tief prägt.

..PSYCHOLOGIE HEUTE: Die Mutter möchte immer, dass die Tochter erreicht, was ihr selbst nicht vergönnt war?

MARIANNE KRÜLL: Richtig. Und daraus entsteht dann oft auch der Zorn der Tochter, die das Gefühl hat, von der Mutter missbraucht worden zu sein.

PSYCHOLOGIE HEUTE: Diesen Zorn verspürten Sie auch. Mit 27 war es aus mit der bis dahin guten Beziehung zu Ihrer Mutter.

MARIANNE KRÜLL: Ja, da brach es plötzlich aus mir heraus ... Ich fühlte mich emotional angekettet - und diese Ketten wollte ich mit einem Befreiungsschlag loswerden.

PSYCHOLOGIE HEUTE: Dafür haben Sie heute kein Verständnis mehr. Sie schreiben: ‚Warum musste ich sie so quälen und terrorisieren mit - in meiner heutigen Sicht - völlig unsinnigen Forderungen?’ War Ihre Rebellion gegen die Mutter denn wirklich so falsch?

MARIANNE KRÜLL: Ich fühlte mich damals ganz stark im Recht. Mein Handeln war theoretisch untermauert durch die antiautoritäre Bewegung der damaligen Zeit ... Es hieß ja, der Faschismus sei unter anderem auch durch die autoritäre Erziehung entstanden. Von daher war meine Rebellion richtig und stimmig ... Was ich mir allerdings aus heutiger Sicht ankreide, ist, dass ich meine Mutter nur angeklagt und mit Vorwürfen überhäuft habe. Ich begriff damals nicht, dass ich als Tochter meine Mutter nicht ändern konnte. Das aber war mein Ziel. Sie sollte endlich begreifen, was richtig ist, damit ich meinen eigenen Weg gehen konnte. Das musste schief gehen. Ich habe meiner Mutter nur vorgeworfen: ‚Du hast das gemacht! Du hast jenes nicht gemacht!’ - und bin nicht bei mir geblieben.

PSYCHOLOGIE HEUTE: Wie hätten Sie mit Ihrer Mutter reden sollen? ...

MARIANNE KRÜLL: ...Wenn wir als Tochter die Konfrontation mit der Mutter wagen, dann ist das das Wichtigste: Wir müssen ganz bei uns bleiben. Von uns und unseren Gefühlen und Erlebnissen sprechen. Und wenn die Mutter sich dann wehrt und sagt, ’das habe ich nicht gewusst, das war ganz anders’, dann müssen wir ihr sagen: ‚Hör zu, das war für mich so. Klar hast du das nicht gemerkt, aber es war für mich so.’ ...

...PSYCHOLOGIE HEUTE: Sie plädieren stark für eine Versöhnung zwischen Töchtern und Müttern. Warum halten Sie diese für so wichtig?

MARIANNE KRÜLL: Ich bin davon überzeugt, dass die Versöhnung mit den Müttern die Grundlage bildet für eine Solidarität unter Frauen. Nur wenn wir aufhören, nach den Fehlern unserer weiblichen Vorfahren zu suchen, und stattdessen begreifen, welche Kraft sie entwickeln mussten, um in noch viel frauenfeindlicheren Zeiten als heute ihr Leben zu meistern, können wir freundliche Bildern von den Frauen in unserem Leben entwickeln. Erst dann ist es möglich, alle anderen Frauen mit einem wohlwollend-weiblichen Blick zu betrachten und - wie bei der eigenen Mutter - danach zu forschen, wie sie zu den Frauen geworden sind, die sie sind. Rivalitäten, Konkurrenz, Neid und Missgunst unter Frauen könnten dann einer weiblichen Stärke weichen ..."

(Ursula Nuber)

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