Pressestimme zu "Lied der Selkies"

Aus: Virginia Oktober 2004

"AußenseiterInnen mögen vielleicht den Eindruck haben, dass die nördlich von Schottland gelegenen Orkney Inseln kahl und unfruchtbar sind, aber diejenigen, die dort genügend Zeit verbracht haben, haben möglicherweise etwas von der diesem Ort innewohnenden Magie gesehen und gespürt. Ein Ort, an dem Geschichte auch heute noch lebendig ist, an dem der Wind Lieder erzählt, an dem die Menschen mürrisch lächeln. Ein Ort, der sich sehr für Legenden anbietet, ideal für Cathie Dunsfords neuesten Roman "Lied der Selkies".

Auf den ersten Blick scheint es weit hergeholt, dass diese Autorin aus dem Süd-Pazifik ihren Schauplatz von Aotearoa/Neuseeland oder Hawaii, wo die ersten Cowrie-Romane angesiedelt sind, auf diese vom Wind gepeitschten Inseln mit Sommerhöchsttemperaturen von 16 Grad verlegt hat. Aber es gibt eine Menge Ähnlichkeiten: Inselkulturen, Kulturen, in denen Geschichte und Legenden miteinander verflochten sind und ein Gewebe für die Gegenwart bilden. Und starke Frauengestalten gibt es überall, wie Dunsford bereits häufig in ihrem früheren Werk gezeigt hat.

Die Romanhandlung beginnt auf dem Edinburgh Fringe Festival, wo sich KünstlerInnen und ErzählerInnen aus der ganzen Welt treffen, um Geschichten, Sagen und Visionen zu teilen. Nach dem Festival lädt Ellen von den Orkney Inseln einige der Geschichtenerzählerinnen ein, sie zu besuchen, um dort zusammen weiterzuarbeiten. Bereits auf dem Weg zu den Orkney Inseln lernen wir die Seehunde Sandy und Fiona kennen, die die neuen Nofin (i.e. Menschen), genau beobachten. Sie tauchen auch später immer wieder auf und spielen eine wichtige Rolle in der Geschichte.

Während der ganzen Geschichte versuchen Cowrie und ihre Gruppe von Geschichtenerzählerinnen, die Legenden von den Seehunden zu rationalisieren. Doch es ist die große Anzahl von immer wieder erzählten Geschichten, die die Leserin langsam dazu bringt, sie zu glauben. "Lied der Selkies" wäre kein typisches Dunsford-Buch, wenn es sich nicht auch mit einer Anzahl politischer Themen beschäftigen würde. Wie immer verwebt sie diese in ihre Geschichte mit dem Geschick einer Autorin/Frau, die einerseits realistisch im Mainstream lebt, andererseits aber ihre Ideale davon, wie diese Welt aussehen könnte, nie aus dem Auge verliert.

Und sie weiß, dass Humor die beste Medizin ist. Man stelle sich Seehunde vor, die die Vorzüge des Vegetarismus diskutieren! Der Humor von Dunsford ist scharfsinnig, er kann einerseits an der Oberfläche bleiben oder für diejenigen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, zusätzliche Bedeutungen haben. Wir erfahren, warum die unabhängigen Schotten den Englischen Poms misstrauen oder warum das Orkney Öl-Terminal gleichzeitig Segen und Fluch ist. Die Themen werden von den Besucherinnen heiß diskutiert. Feminismus oder vielleicht besser gesagt Post-Feminismus, bei dem wir über uns selbst lachen können, schwingt unterschwellig immer mit.

Aber auch für diejenigen, die eine leidenschaftliche lesbische Liebesgeschichte möchten, wird gesorgt. Leserinnen, die in der Vergangenheit von Cowries schwierigen und komplizierten Beziehungen frustriert waren, können sich hier mit Cowrie über eine neue Liebe freuen.

Weitere Legenden spielen eine wichtige Rolle in "Lied der Selkies". Zum Beispiel die von den Frauen aus Skara Brae, die vor fünftausend Jahren, während des Steinzeit-alters, in Orkney in einer gleichberechtigten Kommune lebten. Als Cowrie die Zeichnungen an den Wänden von Skara Brae sieht, vergleicht sie sie mit den uralten Maori Zeichnungen in Aotearoa/Neuseeland. Übersehen ArchäologInnen Hinweise, weil sie die interkulturellen Verbindungen übersehen? Wenn Geschichten von Seevölkern auf der ganzen Welt existieren, gibt es dann grundsätzliche menschliche Bedürfnisse, die zu ignorieren fatal wäre? Die Metapher der Frauen von Skara Brae als unsere Verbindung zu uraltem Wissen ist voller Kraft. "Die Frauen von Skara Brae werden in unterschiedlichen Gestalten und Erscheinungsformen immer wieder zurückkehren, bis die Welt geheilt und Frieden hergestellt ist."

"Lied der Selkies" ist ein komplexes Buch, das nur auf den ersten Blick leichte Lektüre zu sein scheint. Die dargestellten Beziehungen, sei es zwischen den einzelnen Frauen der Gruppe, sei es zwischen den Frauen von heute und gestern, sei es zwischen den InselbewohnerInnen und den Neuankömmlingen, schaffen ein Mosaik von Möglichkeiten, die uns zeigen, was wir voneinander lernen könnten. Das Geheimnis des Seehundvolkes ist ein Test für unsere Skepsis; es öffnet unsere Vorstellungskraft und bietet uns die Chance, nach Bedeutungen zu suchen, die unter der Oberfläche liegen können. Zusammen mit den historischen und kulturellen Fakten eines fernen Ortes und den Hinweisen auf andere Bücher von Dunsford ist dies ein Roman, der eher eine Symphonie als ein Lied ist.

"Lied der Selkies" lässt sich als Reiseführer der Orkneys, als erstklassiger Krimi, als post-moderner Kommentar zu lesbischem Feminismus oder einfach zum Spaß lesen. Es ist ein visionäres Buch und Cathie Dunsford ist eine Autorin, deren Visionen heute beginnen.

(Carolyn Gammon, ins Deutsche übersetzt von Doris Hermanns)

« Pressestimmen zu "Lied der Selkies"

« zur Übersicht der Pressestimmen