Pressestimme zu "Das Patriarchat ist zu Ende"

Aus: taz vom 16./17. Nov. 1996

"Das neue Sottosopra (‚Drunterunddrüber’) ist die achte Flugschrift, welche die politisch philosophierenden Frauen um die Mailänder Libreria delle donne seit 1973 einer verblüfften, oft bestürzten feministischen Öffentlichkeit als Denkfutter vorgelegt haben. Deutschsprachige Leserinnen kennen wenigstens das grüne Sottosopra von 1983, in dem die Differenzfeministinnen schon früh die Fallen einer Gleichstellungspolitik bedacht haben, lange ehe sie als Quotenzauber selbst CDU und CSU ergriff ... Die Ergebnisse sind mager und bemessen sich überall in Dezimalstellenverschiebungen nach dem Komma ... Entweder sind 30 Jahre zu kurz, um mit dem Patriarchat, das ja längst kein Rechts-, sondern ein zäher Gemütszustand ist, endlich aufzuräumen; oder die Gleichheit der Geschlechter, welche die Politik anstrebt, ist eine unproduktive Phantasie, teil der symbolischen Ordnung des Patriarchats selbst und schon deshalb ungeeignet, über es hinauszuführen. Dieser Auffassung sind die Italienerinnen, die nun schon seit Jahr und Tag behaupten, der Mensch sei zwei und das Geschlecht die irreduzible Differenz, die es nun, nach dem Ende des Patriarchats, frei zu interpretieren gälte. Dabei wird Differenz, auch die sexuelle, nicht als Zustand aufgefasst, sondern als Potenz, als Kapital oder Schatz, der sich im Austausch mit anderen Differenzen mehren und entwickeln lässt. Haben sie sich in vielen Arbeiten mit der weiblichen Differenz beschäftigt und den Möglichkeiten, sie zur Geltung zu bringen, so laden sie im roten Sottosopra nun auch Männer ein, sich an der Revolution der symbolischen Ordnung zu beteiligen ...

Frauen, so argumentiert das rote Sottosopra, leiden nicht unbedingt unter dem Ausschluss von einer C4-Professur oder anderen Chefposten, weil sie sich von vornherein für eine andere Form der Existenz entscheiden, in der die Karriere nur ein Ziel neben vielen anderen, gleich wichtigen darstellt. Mir fallen dabei die Lehrerkolleginnen von früher ein, die Beförderungen gern aus dem Weg gingen, weil sie die Arbeit mit den Schülern erheblich eingeschränkt hätten zugunsten von Sitzungen und Leitungsaufgaben, deretwegen sie den beruf nicht ergriffen hatten ... Wir brauchen, grob gesagt, keine Quote und keine weibliche Bürgermeisterin, obwohl das auch nicht schadet, wir brauchen die Praxis der Frauen als Politik.

Die kritischen Widerlegungen und Empörungen, die das rote Sottosopra von seiten des anspruchslosen, längst konventionellen Popfeminismus à la Schwarzer oder eines allzu gründlich akademisierten Staatsfeminismus erfahren wird, sind für jeden vorhersehbar, der die betrübliche Rezeptionsgeschichte der Italienerinnen in den vergangenen Jahren verfolgt hat. Die Vorwürfe oszillieren zwischen banal, biologistisch und sogar faschistoid. Wer gelernt hat, die weibliche Anatomie als sein Schicksal zu verabscheuen, hat natürlich Schwierigkeiten, Frauen wahrzunehmen, welche ausgerechnet die sexuelle Differenz zum Ausgangspunkt persönlicher und politischer Zukunftsentwürfe machen ...

Ein auf Sozialarbeit oder akademische Zuspitzung in Theorie und Forschung beschränkter Feminismus lässt sowieso die allermeisten Frauen außen vor und insbesondere den nachwuchs inzwischen völlig kalt.

Demgegenüber haben die italienischen Differenzfeministinnen das Kunststück fertiggebracht, aus ihren persönlichen Erfahrungen in der Frauenbewegung durch Selbstbeobachtung und Reflexion zu lernen und immer weiter zu denken. Das teilt sich atmosphärisch beim Lesen auch des letzten Sottosopra mit, das wie alle vorigen aus einem kollektiven Diskussionsprozess hervorgegangen ist. keine leichte Lektüre, aber der Geist der Inspiration, der die Autorinnen beflügelt, verführt auch den Leser ein Risiko einzugehen.

Woran ist bisher die Vermittlung dieses bewegten Denkens nach Deutschland gescheitert? An fehlenden Übersetzungen kann es nicht liegen, obwohl ein Sprachproblem sich auch bei guten Übersetzungen stellt. Die Italienerinnen reden kein Soziologisch, bei uns die approbierte Sprache der feministischen Avantgarde, sie schreiben philosophische Literatur. Mir scheint, dass diese Sprache auch die gegenwärtig einzig mögliche und richtige ist, über den ausgereizten Emanzipations- und Gleichstellungsfeminismus hinauszugelangen ... Das rote Sottosopra erinnert an das Leiden der Hysterie, das vergangen ist. Das Leiden der gleichgestellten Frau heute ist die Depression, das Gefühl einer namenlosen Enttäuschung und inneren Leere, das sich mit Krach und Krawall, Feinbildpflege und Schuldzuweisungen heute nur noch betäuben, aber nicht mehr verändern lässt ...

Ich rate es mir schon länger und rate auch anderen: Lernen wir Italienisch! Das rote Sottosopra liegt, um diesen Vorgang zu befördern, übrigens zweisprachig vor."

(Katharina Rutschky)

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