Pressestimme zu "maria liest"

Aus: Mathilde, März/April 2005

"An Marien-Abbildungen von Leonardo da Vinci über Marie Ellenrieder bis Andy Warhol wird in diesem Buch gezeigt, mit welch unterschiedlicher Bedeutung die lesende Maria in unserer Kultur im Laufe der Jahrhunderte präsent war.

Ein überraschendes Bild stammt aus der flämischen Buchmalerei des fünfzehnten Jahrhunderts. Es stellt ein überaus modernes Geschlechterverhältnis dar: Auf der Flucht nach Ägypten sitzt Maria lesend auf dem Esel, Josef geht zu Fuß daneben, führt den Esel und trägt das Kind. Die Philosophin und Theologin Andrea Günter sieht in diesem Bild des fürsorglichen Josef ein Symbol für ‚die männliche Anerkennung der mütterlich gestifteten sozialen, weltlichen Ordnung, die im Gebären - und nicht im Zeugen - zu Tage kommt’.

Mit Bibeltexten, philosophischen Überlegungen und alltagsbezogenen Anschauungen zeigen zehn Autorinnen, dass Gebären und Geborenwerden nicht nur ein körperliches, sondern auch ein seelisches und geistiges Prinzip meint. Und dafür betrachten sie das Lesen als ein Sinnbild. Maria gilt als Repräsentantin für diese umfassende Dimension der Geburt. Im Gegensatz zu manchen Philosophen, die das Leben als ‚Vorlaufen zum Tode’ (Rahner) oder ‚Sein zum Tode’ (Heidegger) beschreiben, bringen die Autorinnen die Geburt als Erneuerung der Welt zur Sprache. Auch die Philosophin Hannah Arendt wird zitiert. Sie hat die Frage aufgeworfen, was es heißt, nicht nur von den Menschen als Sterblichen auszugehen, sondern von deren Geburtlichkeit zu sprechen.

Wie aus dem Buch hervorgeht, war das Fest der Geburt einst ein sakrales Ereignis, das in späteren Jahrhunderten theologisch abgewertet wurde. Berichtet wird auch vom einzigartigen Beruf der Hebamme, die von existentieller und spiritueller Bedeutung bei der Geburt des Kindes war. In machen Bibeltexten ist das noch spürbar. Deutlich wird, wie Hebammen Frauen in ihrem Schöpfungsakt stärkten, während heute im politischen Diskurs über die pränatale Diagnostik niemand mehr nach ihrem Urteil fragt. Auch die Kirchen lassen die Wertschätzung von Hebammen vermissen.

Es gibt ein in diesem Buch abgebildetes Fresko von der schwangeren Maria, das in dem italienischen Städtchen Monterchi lange Zeit in der Friedhofskapelle als Sinnbild für das werdende Leben dem Tod entgegengestellt wurde. Das Kunstwerk war zu einem Heiligtum der Frauen geworden, bis es Ende des 20. Jahrhunderts in eine Vitrine aus Panzerglas in ein Museum versetzt wurde. Einen Angriff auf die Aura dieses Bildes nennt die Theologin Ulrike Eichler diesen Umgang mit einem Kunstwerk und sie stellt die Frage, ob es Zufall war, dass gerade mit diesem Bild der sichtbaren körperlichen Potenz einer Frau in ihrer umfassenden schöpferischen Kraft so verfahren wurde. Und tatsächlich, in königlicher Haltung, hochaufgerichtet, im vollen Bewusstsein ihrer weiblichen Potenz steht Maria da, ohne den Sohn, ganz bei sich und weit entfernt vom Bild der ‚demütigen Magd des Herrn’. Für Ulrike Eichler steht Maria auf diesem Bild ‚nicht nur für das leibliche Gebären, sondern auch für die gesamte erotische, spirituelle und schöpferische Kraft einer Frau’. Piero della Francesca soll die ‚Madonna del Parto’ (Madonna der Geburt) um 1460 anlässlich des Todes seiner Mutter gemalt haben.

In der protestantischen Tradition sind die Gläubigen abgeschnitten von Maria, der einzig verbliebenen weiblichen Gestalt der christlichen Religion. Im Buch wird der Frage nachgegangen, welchen Verlust es für Frauen bedeutet, wenn Transzendenz allein mit dem Männlichen identisch ist. In den Blick kommen auch Themen wie das Fehlen der Tochter in der christlichen Mutter-Vater-Sohn-Religion, das Sozialgefüge bei einer Geburt in der Frage nach der Wirtin, die Beziehungen zwischen Frauen und dem Göttlichen und vieles mehr. Es ist ein Buch, das unerwartete, auch provokante Fragen aufwirft und Denkanstöße gibt."

(B.O.)

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