Pressestimme zu "Das Patriarchat ist zu Ende"

Aus: Schlangenbrut, Nr. 59, 1997

"Das ‚Rote Sottosopra’, die neueste politische Publikation einer Gruppe von Frauen um den Mailänder Frauenbuchladen, umkreist zwei widerspenstige, Widerspruch herausfordernde Gedanken: ‚Das Patriarchat ist zu Ende’ und ‚Die Politik ist die Politik der Frauen’.

Die Autorinnen ermuntern uns, ‚diesem Gedanken einen Platz einzuräumen’. Der neue Blick ist geeignet, die depressive Haltung vieler Frauen und die Ratlosigkeit traditionell linker (männergeprägter) Politik zu überwinden. Die beiden Sätze sind Gegenstände einer historischen Wette. Wir sind aufgefordert auf sie zu setzen, indem wir ‚die Politik der Frauen’ betreiben. Das meint keine bestimmten inhaltlichen Ziele, keine neue Ideologie, sondern schlicht und einfach, eine bestimmte Praxis der Beziehungen im Denken, im persönlichen wie im gesellschaftlichen Handeln an die erste Stelle zu setzen und dies als eminent politischen Akt zu begreifen.

Das Zu-Ende-Gehen des Patriarchats bedeutet nicht automatisch das Ende allen Unrechts, aller Gewalt und des Kapitalismus, betont Traudel Sattler in ihrer Einleitung. Die patriarchale symbolische Ordnung hat in den Augen der Frauen ihre identitätsstiftende Herrschaft verloren. Das Rote Sottosopra präsentiert eine gründliche Abrechnung mit der politischen Idee der Gleichheit, die die Herstellung symmetrischer Beziehungen verlangt. Das bedeutet zwangsläufig Konkurrenz und verhindert, dass sich nicht wetteifernde Beziehungs- und Praxisformen entwickeln können. Die Alternative liegt in der Anerkennung und Wertschätzung der ohnehin bestehenden Ungleichheiten in menschlichen Beziehungen. Die Praxis nichtkonkurrierender, nicht-instrumenteller, sinnhaft-schöpferischer Beziehungen, die immer schon das zivilisatorische Werk von Frauen war, bedarf eines Sinnes für Autorität oder Vermittlung ...

Eine weitere These des Sottosopra lautet, dass die zivilisatorische Arbeit von Frauen, welche darin besteht, diese Art von Beziehungen zu praktizieren (ohne die Kultur und Gesellschaft zerfallen), in Zukunft entweder völlig verschwinden oder als weibliche Autorität Anerkennung finden wird. Das vermittelnde Dritte weiblicher Autorität wurzelt nämlich in der symbolischen Ordnung der Mutter. Ausgangspunkt ist dabei immer die Verhandlung selbst: Was bin ich bereit zu geben im Austausch wofür? Weibliche Freiheit realisiert sich entsprechend der Fähigkeit zur Selbstveränderung in Beziehungen unter Frauen.

In dieser Praxis der Beziehungen, die ein teil der Frauenbewegung in den letzten 30 Jahren entwickelt hat, sowie in allen selbstverwalteten Projekten, Netzwerken und Zusammenschlüssen, die Frauen sich von diesem Standpunkt aus erobern, besteht die Politik der Frauen’. Das, was bisher als ‚Politik’ galt, macht keinen Sinn mehr. Es ist unfähig, der ökonomischen Gewalt etwas entgegen zu setzten und vermag die Zeichen der Zeit nicht zu lesen.

Das zentrale Thema des Roten Sottosopra ist demnach die Entfaltung eines neuen Politikbegriffs. Dieser soll jedoch nicht neben das traditionelle Politikverständnis treten, sondern es praktisch und Theoretisch ersetzen.

Das Rote Sottosopra ist zweifellos ein bedeutendes politisches Dokument, geschrieben in einer anmutigen, federnden Diktion fern aller trockener Wissenschaftsprosa. Die geneigte Leserin sei trotzdem gewarnt: zentrale politisch-philosophische Konzepte des italienischen Differenzdenkens werden hier nicht erneut erklärt, sondern als bekannt vorausgesetzt. Es empfiehlt sich also vorher das Grundwerk ‚Wie weibliche Freiheit entsteht’ zu lesen und/oder als gute Einführung ‚frauen-lehren’ von Gisela Jürgens und Angelika Dickmann, die auch das Grüne Sottosopra enthalten."

(Hanna Lauterbach)

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