Pressestimme zu "Mutterland ... nach dem Holocaust"

Aus: Ma Nishma? ? Was gibt?s Neues?, Rundbrief der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Augsburg und Schwaben e.V., Mai-Juli 2004

"Sechs Millionen Juden sind im Holocaust umgekommen. Wie glücklich müssen doch die sein, die davongekommen sind! Wie dankbar jemand, den die Eltern als Kind ins sichere Ausland geschickt haben!

Viel zu einfach ist dieser Schluss. Die Wirklichkeit hat gelehrt, dass auch die Entkommenen, die Geretteten, schwer an ihrem Schicksal zu tragen haben. Abgeschnitten von ihren Wurzeln, mutterseelenallein unter fremden Menschen, ohne Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, Geschwistern aufgewachsen, von allen Traditionen und Erinnerungen abgeschnitten - das zu verarbeiten dauert ein ganzes Leben.

Nichts ist normal im Leben von Edith, die als Zwölfjährige in die USA geschickt wird. Sie kann nicht verstehen, dass die Eltern sie weggeschickt haben. Ist es nicht ein Zeichen von Lieblosigkeit? Mit niemandem kann sie über ihre Probleme reden, und so trägt sie sie hinein in ihr neues Leben, in ihre neue Ehe, und auch ihre Tochter ist eine Leidtragende dieser Geschichte. Die spürt sehr wohl, dass es Dinge gibt, die der Mutter gegenüber nicht angesprochen werden dürfen. Sie spürt die hohe Erwartung, die die Mutter in sie setzt. Es ist, als ob die Mutter in der Kindheit ihrer Tochter ihre eigene Kindheit, um die sie betrogen wurde, nachholen wollte.

Endlich, nach über 50 Jahren, entschließt sich Edith zu einer Reise zurück in die Vergangenheit, in ihren Heimatort in Deutschland. Sie bricht auf in Begleitung ihrer Tochter.

Nichts ist mehr, so wie sie es in Erinnerung hat. Und die Menschen, denen sie begegnet? Ihre ehemaligen Schulkameraden? Die Begegnungen sind nicht leicht, von beiden Seiten mit Befangenheit belastet. Vorsichtiges Annähern, Erinnerungen, Erklärungen, Entschuldigungen. Die Begegnungen mit der Freundin, die als einzige immer offen zur Familie gehalten hatte und dafür ausgestoßen wurde aus der Gesellschaft, auch nach dem Krieg stigmatisiert. Erinnert sie doch alle anderen an ihr Versagen.

Trotz aller Schwierigkeiten heilt etwas in Edith während dieser Fahrt, heilt auch das Verhältnis zu ihrer Tochter. Und diese hofft, dass ihr noch ungeborenes Kind endlich ein ‚normales’ Leben wird führen können, ein Leben mit einer Mutter und einer Großmutter, ein Leben unbelastet von einer schweren Vergangenheit."

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