Pressestimme zu "Mutterland ... nach dem Holocaust"

Aus: Archiv für Sozialgeschichte, August 2003

"... Anders konzipiert ist Fern Schumer Chapmans Bericht von einer 1990 unternommenen Reise in die Vergangenheit - nach Deutschland. Im wesentlichen handelt es sich hier um eine psychologische Studie über eine Mutter-Tochter-Beziehung .Die Mutter, Edith Westerfeld, wurde 1938 mit dem Jewish Childrens Service nach ihrer Schwester, jedoch ohne ihre Eltern, in die USA zu Verwandten geschickt, um dort - frei von Repressalien der Nazis - aufzuwachsen. Die Eltern wurden Opfer der Verfolgung, und da sie 1939 nicht genügend Geld zur Auswanderung hatten, starb der Großvater Siegmund Westerfeld 1941 im KZ Sachsenhausen, die Großmutter musste in Darmstadt in einem sogenannten Judenhaus wohnen, bis sie nach Polen ins Ghetto von Lublin verschleppt wurde (S. 173).

Fern Schumer Chapman stellt die Details der Erinnerungen seiner 65-jährigen Mutter unter das Motto, dass sie keine Identität habe, da die Mutter Flüchtling war - eine Tatsache, die sie dazu veranlasst, die Mutter-Tochter-Beziehung unter das Babuschka-Prinzip der russischen Puppen zu stellen. Bei der Ankunft nach dem Flug von Chicago nach Frankfurt am Main sehen sie den Zollbeamten als potenziellen Nazi wie alle anderen älteren Personen in Deutschland, die der Mutter, wie indirekt der Tochter, das Leben zerrüttet haben. Deshalb akzeptieren sie auch keinen VW als Leihwagen. Mit dieser Einstellung kehren sie nach Stockstadt am Rhein, der Heimatstadt der Mutter, zurück, um dort ihre Identität zu suchen.

Nachdem sie klar gemacht haben, dass sie das Elternhaus nicht zurück fordern wollen, nehmen sie zusammen mit dem Leiter des Heimatmuseums von Stockstadt, Hans Herrmann, der sich ihnen als Fremdenführer anbietet, an einer Führung teil, die für die Mutter mit vielen schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist. Sie lassen sich auch zur Teilnahme an einem Klassentreffen überreden, auf dem der Grundtenor lautet: "Wir haben getan, was uns gesagt wurde ... wir haben nichts gewusst" (S. 131). Außerdem besuchen sie den völlig verwilderten jüdischen Friedhof und legen nach jüdischer Sitte Steine auf die Grabmäler.

Genau wie Shmuel Thomas Huppert hasst Edith Westerfeld jegliche Veränderung: Beide sind traumatisiert durch die Veränderungen, die ihnen als "zerstörende Transformationen ihres Lebens" (S. 204) aufgezwungen wurden. Wie Hupperts Großvater fühlte sich auch Großvater Siegmund Westerfeld in Deutschland sicher, weil er Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen war. In dem Heimatmuseum erinnern die Gegenstände an Edith Westerfelds Jugend, z.B. das Bügeleisen, das Butterfass und der Schulranzen. Viele Gegenstände hatten sich die Deutschen in der Reichspogromnacht angeeignet oder zerstört. Die Autorin stellt die gewagte These auf, dass im Gegensatz zu den Amerikanern, die sich schuldig am Vietnam-Krieg fühlen, die Deutschen kein Gefühl der Schuld am Pogrom vom 9. November 1938 hätten. Während die Beschäftigung mit der Vergangenheit bei der Mutter viele Schmerzen auslöste, habe Hans Herrmann, der Kustos und Fremdenführer, Wert darauf gelegt, dass der ganze Ort erfahre, was wirklich passiert sei: Die "arische" Bevölkerung habe unterlassen zu helfen - mit einer Ausnahme: Mina Fiedler, das ehemalige Dienst- und Kindermädchen der Westerfelds.

Mina erlebte die Kindheit und Abreise Ediths mit. Mina wurde jedoch wegen der Rassegesetze (15.9.1935) als "Judenhure" beschimpft und schließlich auf Druck der Umwelt und wegen Geldmangels entlassen. Nach einer Irrfahrt quer durch den Odenwald treffen sie in Tromm auf Mina, die sich in den kleinen Ort zurückgezogen hat, weil sie in Stockstadt nicht mehr leben und atmen konnte. Die Begrüßung ist sehr emotional, weil Mina immer noch in der Vergangenheit lebt. Sie leidet an Asthma, sie ist "atemlos" über die Vorkommnisse, wie ihr Sohn Jürgen es ausdrückt (S. 214). Für Mina sind alle Nazis "Schweinehunde", und sie erzählt aus der Vergangenheit Episoden, die selbst Edith Westerfeld nicht geläufig sind. So beschreibt sie die Verdrängung der Juden und speziell der Familie Westerfeld aus dem öffentlichen Leben Stockstadts, z.B. den Boykott des landwirtschaftlichen Geschäftes, das Verbot, Musikunterreicht wahrzunehmen, das Verbot des Schwimmbads, die Verhöhnung und Vertreibung Siegmund Westerfelds aus dem Gasthof und schließlich die sog. Kristallnacht.

Die Erzählung wird jeweils unterbrochen durch Hustenanfälle Minas: die Vergangenheit ersticke sie. Sie sei als "Judenfreundin" von ihrem Heimatort regelrecht ausgestoßen worden. Mina sei eine "Jüdin aus Solidarität" (S. 167). Nach ihrer Heirat sei sie mit ihrem Mann nach Polen ausgewandert, sie wusste um die Konzentrationslager. Bei ihrer Rückkehr wurde sie als DP (displaced person) eingestuft. Nach Minas Tod fünf Jahre später reisen die gesamte Familie Chapman und Mutter Edith erneut nach Stockstadt und treffen sich mit Minas Sohn Jürgen, der ihnen auf seine Weise die Geschichte Stockstadts erklärt. Das Buch schließt mit einem Epilog, in dem Jürgen und die Kinder von Fern Schumer Chapman sie und Edith Westerfeld in die Gegenwart zurück holen.

Die Erinnerungen Fern Schumer Chapmans sind mit allzu großer Liebe zum Detail und mit betontem psychologischem Einfühlungsvermögen geschrieben, so dass der Historiker ein Faktengerüst vermisst. So ist das Buch als gefühlvolles Tagebuch einer Reise ins "Mutterland" zu werten, das jedoch historisches Wissen voraussetzt."

(Rosemarie Leuschen-Seppel, Bonn)

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