Pressestimme zu "Mutterland ... nach dem Holocaust"

Aus: Lästerher(t)z, Frauen und Lesbenradio Köln, Sendung vom 4.11.02

"Eine Tochter sucht nach der Geschichte der Mutter, einer Geschichte, die sie lange Zeit verborgen hält. Die in Deutschland beginnt, in Stockstadt am Rhein. Denn dort wurde die Mutter als Tochter eines jüdischen Ehepaares geboren. Dort hat Edith ihre Kindheit und frühe Jugend verbracht. 1938 wurde sie von ihren Eltern mit einem Kindertransport in die USA geschickt. Neun Tage war das Schiff unterwegs. Die damals Zwölfjährige gehörte zu den etwas 1000 jüdischen Kindern, die auf diese Weise mit nichts als dem nackten Leben davonkamen. Ihre Eltern blieben zurück, wurden deportiert und in Konzentrationslagern umgebracht. Edith wuchs bei Verwandten auf, heiratete einen Amerikaner, von dem sie sich später scheiden ließ.

Zusammen mit ihrer Tochter Fern, die inzwischen selbst Mutter zweier Kinder ist, betrat die 65-Jährige zum ersten Mal seit 1938 deutschen Boden. Fern Schumer Chapman kannte diesen Ort nur aus spärlichen Erzählungen. Ihre Mutter sprach nie über ihre Vergangenheit in Deutschland. Zufällig hörte die Tochter, wie ihre Mutter hinter verschlossenen Türen übte, den deutschen Akzent zu korrigieren. Wie sie leise auf Deutsch rechnete, wie sie Fotos in einem gelben Briefumschlag auf einem Schrank scheinbar zu vergessen schien. Für Fern kam diese Suche nach dem anderen Ich ihrer Mutter einer archäologischen Ausgrabung gleich ...

Die Großmutter der Autorin war 43 Jahre alt, als sie umgebracht wurde. Ein Grab gibt es nicht. Die einzigen Zeugnisse sind Briefe, Fotos und ein Ring, den das Mädchen Edith im Rocksaum eingenäht hatte. Dabei war ihre Familie eine der ältesten in Stockstadt am Rhein. Ihre Vorfahren hatten vor hunderten Jahren das 2000-Seelen-Dorf mitbegründet. Edith selbst wuchs in dem Haus auf, in dem die meisten Familienmitglieder väterlicherseits geboren und auch gestorben waren ...

Für Fern Schumer Chapman ist diese Reise ein weiterer Puzzlestein in der Auseinandersetzung ihrer eigenen Geschichte: als Tochter einer Immigrantin und Überlebenden. In ihrem Buch schildert sie die Beziehung zwischen Tochter und Mutter vor dem Hintergrund dieser Geschichte, aber auch ihren Blick auf Deutschland und die Deutschen.

Bettina Bremer, Mitarbeiterin beim Christel Göttert Verlag: ‚Mein erster Eindruck war in beiden Richtungen erschütternd, zum einen, diese Geschichte zu lesen, und zum anderen, das Bild von Außen auf Deutschland gerichtet zu sehen, zu merken, wie viele Verletzungen noch immer da sind und wie sie das Verhältnis prägen können, wenn wir nicht versuchen, weiterhin unsere Vergangenheit im Alltag zu leben, sich damit auseinanderzusetzen. Und ich habe an einigen Stellen wirklich geschluckt: So also werde ich betrachtet. Und an anderen Stellen ist mir das ganz klar gewesen: Ja, diese Verletzungen sind immer noch so stark, dass solche Bilder entstehen müssen. Aber es sollte nicht dabei stehen bleiben ...’"

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