Pressestimme zu "Mutterland ... nach dem Holocaust"

Aus: Radio Darmstadt, Sendung "Kapital-Verbrechen", Redaktion "Alltag und Geschichte", 27. und 28.5.2002

‚... Ein Tag im Jahr 1938. Die ‚Deutschland’ liegt im Hamburger Hafen, bereit zum Auslaufen. An Bord, an Deck - zum Winken - die zwölfjährige Edith Westerfeld - Tiddy. Am Ufer zurück bleiben die Eltern Siegmund und Frieda und Mina, ein junges Mädchen aus dem Dorf, die als eine Art Kindermädchen bei der Familie gelebt hatte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie alle versucht, so zu tun, als sei alles ganz normal, als verreise Edith jetzt für einige Wochen - und danach wären sie alle wieder miteinander vereint.

Das erzählt, 52 Jahre später, Edith ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter.

"‚Bist du auf Deck gegangen, damit du zum Abschied winken konntest?’", fragt die Tochter.

"‚Ja. Das Schiff brauchte sehr lange, um den Hafen zu verlassen. Also stand ich dort und beobachtete meine Eltern und winkte ihnen zu. Sie warteten und warteten, wendeten nie den Blick von mir. Ich fühlte ich unwohl und wünschte irgendwie, dass das Schiff einfach losfahren würde. Aber dann, als es schließlich doch den Hafen verließ, sah ich einige Eltern am Boden zusammenbrechen. Meine Eltern standen ganz erstarrt, wie auf einem Foto. Der blaue Abstand zwischen uns wurde immer größer, und nun erkannte ich, dass sich mein Leben für immer verändert hatte.

Ich wurde so traurig, wie noch nie in meinem Leben. Das fühlt normalerweise kein Kind. Das war die Schwere eines Erwachsenen beim Tod eines nahe stehenden Menschen. Ich erkannte, dass nichts jemals gleich bleiben würde. Meine Kindheit war zu Ende.

Ich öffnete den Mund, um zu schreien. Irgendwie dachte ich, wenn ich schreie, würde alles anhalten - das Schiff, das blaue Meer, sogar Hitler. Ich öffnete den Mund … aber ich … konnte keinen Laut hervorbringen. Ich fiel an Deck auf meine Knie und hing mit den Augen an meinen Eltern. Ich beobachtete, wie sie zu Punkten wurden. Dann verschwanden sie völlig in der Entfernung.’

Sie schluckt und fügt mit heiserer Stimme hinzu: ‚Dann habe ich nur noch das Blau gesehen.’"

Einer der Kindertransporte, mit denen jüdische Kinder aus Mitteleuropa verschickt wurden in alle Welt: Nach England, Schweden, in die Türkei, nach Südafrika, Argentinien, Kanada oder in die Vereinigten Staaten. Fast egal wohin, wenn sie nur Aufnahme und Zuflucht fanden vor den Nationalsozialisten.

Die zwölfjährige Edith reiste in die USA, wo sie von entfernten Verwandten aufgezogen wurde. Ihre ältere Schwester Betty war bereits ein Jahr früher in die USA geschickt worden und war in Chicago von einer Familie adoptiert worden.

Über fünfzig Jahre später wagt sie, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Zusammen mit ihrer erwachsenen Tochter fliegt sie in die Bundesrepublik Deutschland, um ihren Heimatort zu besuchen: Stockstadt am Rhein.

Die erwachsene Tochter ist die amerikanische Journalistin Fern Schumer Chapman. Im vorliegenden Buch beschreibt sie die Reise aus ihrer Sicht. Die Unsicherheit, ob ihre Mutter diesmal fliegen würde. Oder ob sie - wie schon so oft in anderen Situationen - doch in letzter Sekunde wieder einen Rückzieher machen würde? Es stellt sich heraus - aber erst um einiges später, dass die Mutter die Reise an den Ort ihrer ersten Lebensjahre erst dann wagen konnte, als sie sicher war, dass ihre Eltern nun tot sein würden. Selbst wenn sie eines natürlichen Todes gestorben wären, nicht von den Nationalsozialisten in einem KZ umgebracht worden wären. Was die Mutter nicht mit Sicherheit wusste, wovon sie aber ausgehen konnte …

Die Suche nach den Überresten der Familie gestaltet sich zunächst schwierig. Stockstadt hat sich verändert und die Mutter kannte es nur mit den Augen eines Kindes. Zudem hatte es vor dem Zweiten Weltkrieg nur zwei jüdische Familien in Stockstadt gegeben. Die Überreste schienen völlig getilgt.

Doch dann purzeln die Ereignisse. Mutter und Tochter treffen Hans, der so etwas wie ein Dorfmuseum betreibt. Er war mit der älteren Schwester in einer Klasse gewesen und erinnert sich genau an viele Einzelheiten.

Ein Klassentreffen mit Ediths früherer Schulklasse wird arrangiert, zu dem zwar nicht alle kommen, aber doch viele. Und schließlich finden Mutter und Tochter auch noch den Weg in ein verlassenes Kaff im Odenwald, in dem Mina nun lebt: alt, einsam, krank und ziemlich verbittert. Ihre Verbindung und Freundschaft zu einer jüdischen Familie hat ihr Leben ruiniert.

‚Mutterland’ ist kein einfaches Buch. Auf den unterschiedlichsten Ebenen verweben sich Emotionen und abgebrochene Erinnerungen zu einem Ganzen. Und immer wieder geht es eben auch um die Perspektive der Tochter, der Nachgeborenen, für die diese unvollendete Geschichte alles andere als Geschichte ist. Die Wurzeln ihrer Mutter sind auch ihre eigenen Wurzeln, von denen sie aber durch die Emigration ihrer Mutter seltsam abgeschnitten ist. So ist die Reise nach Deutschland für Fern Schumer Chapman eine Reise in ihre eigene Geschichte.

Und dann die unterschiedlichsten Menschen aus der Geschichte ihrer Mutter, die auch Teil ihrer Geschichte sind, ohne dass sie bisher von ihnen wusste.

Da sind die früheren Mitschülerinnen und Mitschüler Ediths, die am liebsten wollen, dass alles das Schreckliche nicht stattgefunden hat. Dass Edith eine der ihren ist - als ob sie nie weggewesen wäre. Und erst recht nicht vertrieben. Waren sie nicht alle Kinder gewesen, die nicht begriffen hatten, was abging?

Da ist Hans, der die Scham mit sich trägt, dass er in der Reichspogromnacht nur einfach zugesehen hatte. Und - schlimmer noch - 1941 war er Frieda, Ediths Mutter, noch einmal begegnet; in Darmstadt. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten, denn Siegmund, ihr Mann, war im Konzentrationslager in Sachsenhausen. Aber Hans, ein junger Freiwilliger, wahrscheinlich Flausen im Kopf … er wusste, dass er nicht helfen konnte, und wandte sich ab.

Arm irgendwie, dass er es nicht anders fertig bringt, Edith und ihrer Tochter davon zu berichten, als über einen Bericht in der Tageszeitung, den er dann den beiden vorliest. - Aber auch verständlich.

Ich konnte es fast nicht aushalten, diese Schilderung zu lesen. Edith Schumer, geborene Westerfeld, offensichtlich auch nicht.

‚"Das ist schon in Ordnung, Hans’, sagt meine Mutter sanft, schluckt schwer und winkt mit der Hand, um zu signalisieren, dass er nicht weiterlesen muss. ‚Das alles ist doch lange her. Vergessen Sie es.’"

In dem Moment hasse ich Edith Westerfeld. Was ist sie so versöhnlerisch!

Aber es ist auch verständlich: Alle wollen sie vergessen. Und können es nicht. Immerhin, es zeigt sich, Hans geht es nicht um ‚Absolution’, darum, dass Edith Westerfeld ihm verzeiht; sondern er will, dass sie weiß, was sich zugetragen hat, und dass sie seine Verstrickung kennt. Das hat doch wieder Größe.

Da ist Mina, die beschlossen hatte, nicht mit den Wölfen zu heulen. Das haben ihr die anderen, die aus dem Wolfsrudel, nicht verziehen. Teuer hat sie bezahlt für diese Entscheidung, ihrer Moral zu leben. Aber auch sie kann es den Wölfen nicht verzeihen, mitgeheult zu haben …

Jürgen, ihr Sohn, ist ähnlich überbehütet und doch gleichzeitig "mutterlos" aufgewachsen wie Fern. Mina, die Mutter eine Fremde und Ausgestoßene in der eigenen Gesellschaft, die mehr in ihrer unbewältigten Vergangenheit lebt als in der Gegenwart.

Die beiden, Fern und Jürgen, verbindet spontan eine tiefe Freundschaft. Es ist wohl mehr …

Es erscheint als wohltuend, sich der Vergangenheit zu stellen, den Spuren nachzugehen, die Menschen zu begleiten.

Und doch lösen sich nur wenige Knoten, treten andere dafür auf. Die ganzen verstrickten Leben - Biografien voller Widersprüche.

Warum nur ist Edith Westerfeld-Schumer nur zu gerne bereit, den Nazis und den Nachkommen der Nazis zu verzeihen - nicht aber ihren Eltern, die sie zwar weggeschickt haben, aber dadurch gerettet? ..."

(Katharina Mann)

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