Pressestimme zu "Mutterland ... nach dem Holocaust"

Aus: www.oeh.ac.at, 13.5.2002 (Österreichische HochschülerInnenschaft, Referat für Frauen- & Genderpolitik)

"Im Oktober 1990 bricht die Autorin mit ihrer Mutter zu einer Reise auf. Von Chicago nach Deutschland, nach Stockstadt am Rhein, dem kleinen Ort der Kindheit ihrer Mutter. Diese hatte Stockstadt 1938 verlassen. Sie war das Kind einer der beiden jüdischen Familien im Dorf und wurde im Alter von 12 Jahren zu entfernten Verwandten in die USA geschickt; die Flucht glückte, sie überlebte während die zurückgebliebenen Eltern und Großeltern in verschiedenen Vernichtungslagern der Nazis umkamen.

50 Jahre später kehrt sie zurück. Ihre Tochter will herausfinden ‚wer die Mutter ist’, die alle die Jahre vermeintlich geschichtslos gelebt hat, sich nicht erinnern wollte und nichts von ihrer Vergangenheit ihrer Tochter mitgeben konnte. Die beiden machen sich also auf die Suche und stoßen in Deutschland auf immer noch Aktuelles, Verletzendes und auf die Spuren von Damals. Die Ehre, die der Mutter zu Teil wird als Gästin, die drückenden Schuldgefühle der GastgeberInnen, alte SchulkollegInnen, ein Stadthistoriker, die damals engste Freundin, die nicht vergessen und nicht verzeihen will - berührende Begegnungen. Für alle wird diese Reise zu einer Konfrontation mit der Vergangenheit und deren Spuren. Und sie zeigt, wie wenig klar die Frage nach der Schuld die Fronten teilt. Die Verstrickung aller Beteiligten miteinander und die vielfältigen Positionen in der Zeit des Nationalsozialismus wie im Nachhinein zeigen, wie wenig ‚vorbei’ dieser Teil der Geschichte ist und wie er sich quasi ‚vererbt’, als Nicht-Wissen, Nicht-Reden-Können, als ‚Leerstelle’ oder als Schuldgefühl.

Dabei ist neben der Sicht einer als Flüchtling Überlebenden des Holocaust auch das Bild interessant, das die Autorin von der deutschen Gesellschaft zeichnet. Wer/welche beim Lesen von den immer wiederkehrenden Passagen über Mutterschaft und kulturelle Identität - dem wesenhaft wirkenden Begriff von Identität und einen pathosgeladenen von Mutterschaft - absehen kann, der/dem tut sich so einiges auf, was den Umgang mit Geschichte in Deutschland betrifft, wobei vieles persönlich bekannt vorkommen könnte. Die leeren Stellen in der ‚Erinnerung’ (kollektives und persönliches Wissen um Vergangenheit) werden bewusst. Und es wird klar, dass die Geschichte nicht zu entschädigen ist, wo sie als Geschichte von einzelnen Menschen gesehen wird. Das Buch lese ich als ein Plädoyer dafür, dass es neben aufklärendem Geschichtsunterricht und Entschädigungszahlungen an die Opfer (was ja beides immer noch nicht/schon wieder nicht mehr anerkannt ist) viel mehr noch braucht - die zum Teil schmerzhafte Konfrontation in den persönlichen Beziehungen, auch jenseits von Kollektivschuld und Freispruch."

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