Pressestimme zu "Mutterland ... nach dem Holocaust"

Aus: Rüsselsheimer Echo vom 3.5.2002

"Als Edith Schumer geborene Westerfeld nach 50 Jahren Stockstadt wieder sieht, erkennt sie nichts mehr auf Anhieb. Als hätte sich die Stadt bemüht, die Spuren ihrer Vergangenheit zu verwischen, steht alles in neuem Kleid. Auch Edith hat versucht zu vergessen, weil die Erinnerungen zu schrecklich waren, um sie festzuhalten. So schweigt sie, bis ihre erwachsene Tochter sie zu einer Konfrontation vor Ort überredet.

Als Zwölfjährige war Edith 1938 mit den Kindertransporten in die USA geflohen, weil ihr Leben in Deutschland zu gefährlich geworden war. Sie ließ nicht nur ihre Eltern zurück, die kurz später von den Nazis umgebracht wurden, sie verlor auch ihre Kindheit, ihre Heimat, ihre Vorbilder und das rechte Gefühl für menschliche Bindungen. Die daraus resultierende Leere wird sie nicht mehr auffüllen.

‚Mutterland ... nach dem Holocaust. Eine Tochter fordert die Erinnerung zurück’ heißt das jetzt im Verlag Christel Göttert erschienene und aus dem Amerikanischen übersetzte Buch der Autorin Fern Schumer Chapman über die Reise in die Stockstädter Vergangenheit. Reisen der Tochter Fern Schumer Chapman, einer bekannten Reporterin, und ihre Mutter Edith gab es tatsächlich zu Beginn der neunziger Jahre. Sie wurden vom ‚Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur’ im Kreis Groß-Gerau begleitet.

Die Autorin verdichtet sie zu einer einzigen Reise, ästhetisiert Begebenheiten und weicht somit von den realen Fakten ab. Geblieben ist der schonungslose Blick auf die Deutschen, auf ihre Art der Vergangenheitsbewältigung, ihre Eigenarten und Verdrängungsmechanismen. Da gibt es einen Stadthistoriker, der ein öffentliches Schuldbekenntnis ablegt. Ein Klassentreffen, auf dem sich Verlegenheit und Sprachlosigkeit den jüdischen Mitschülern gegenüber mit Händen greifen lassen. Den neuen Besitzer von Ediths Haus, der beteuert, nur der Erbe zu sein.

‚Mutterland’ erzählt auch die Geschichte einer Beziehung von Mutter und Tochter. Denn ohne die Erinnerung der Mutter fehlen der Tochter Erkenntnisse über ihre eigene Kindheit. Durch die Besuche in Deutschland wird das zerrissene Band zu den deutschen Vorfahren wieder neu geknüpft. Judenvernichtung und Krieg werden wie bunte Fäden darin eingeflochten. Denn ihre Folgen haben auch die Nachgeborenen noch zu spüren."

(Madeleine Reckmann)

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