Pressestimme zu "Nicht Mangel, sondern Fülle"

Aus: Wolfsmutter.com vom 3.2.2005

"Raus aus der Mangel-Ideologie. Über Arbeit philosophieren - das klingt öde. Ist es aber nicht - wenn die praktische Philosophie des Von-sich-selbst-Ausgehens angewendet wird. Dorothee Markert hat einen kleinen, feinen Text geschrieben, den frau jederzeit in der Handtasche herumtragen und nachlesen kann und der ein schönes Mitbringsel für liebe Menschen ist.

Nachdenken über Freude an der Arbeit lohnt sich immer; gerade heute, da uns eingeredet wird, daß Arbeit freudlos und rar sei und etwas, das wir dankbar und demütig anzunehmen hätten, egal, ob wir dafür geeignet sind, sie uns akzeptabel ernährt und uns Freude macht oder nicht. Doch im Wort "Beruf" steckt die Berufung, das zu einer Tätigkeit Gerufenwerden. Mit Zwang und Überwindung hatte Arbeit in ihrem ursprünglichen Sinn nichts zu tun.

Dorothee Markert geht von der Vorstellung aus, daß wir in einer Welt der Fülle leben und wir uns daher an unserem Begehren orientieren dürfen und sollen. Daraus ergibt sich unsere Aufgabe, durch Versuch und Irrtum jene Arbeit zu finden (oder auch zu erfinden), die uns die Umsetzung unseres Begehrens ermöglicht. Wert legt sie darauf, aus der Falle der kapitalistischen Mangel-Ideologie auszusteigen.

Weiters vertritt sie die Überzeugung, daß die meisten Menschen "eigentlich" gern arbeiten, und legt ihren Ausführungen Hannah Arendts Unterscheidung des gängigen Arbeitsbegriffs in ‚arbeiten’, ‚herstellen’ und ‚handeln’ zugrunde.

Sie postuliert fünf Ansprüche, die wir zu verwirklichen suchen sollten:

  • ‚In meiner Arbeit will ich mein Begehren leben oder ihm zumindest auf der Spur bleiben können.’
  • ‚Ich möchte meiner Arbeit mit Wohlbehagen nachgehen können.’
  • ‚Ich möchte mit meiner Arbeit so viel Geld verdienen können, wie ich zu meinem Leben brauche.’
  • ‚Mit meiner Arbeit will ich mir eine Heimat in der Welt und unter den Menschen schaffen, will Zugehörigkeit erfahren.’
  • ‚Bei jeder Arbeit, auch bei abhängiger, muss Raum für selbständiges Denken und Entscheiden, muss Eigen-Sinn möglich sein.’

‚Wenn mir Kraft und Freude bei der Arbeit verloren gehen, wenn mir ihr Sinn abhanden kommt, dann ist das ein Hinweis, dass mein Begehren in dieser Arbeit oder in der Art und Weise, wie ich sie verrichte, keinen Weg mehr findet, sich zu verwirklichen.’

Eine wunderbare - in unserer zwangs-globalisierten Gesellschaft meistens utopische - Idee bringt Dorothee Markert in die immer wieder aufflammende Diskussion um ein "Hausfrauengehalt" ein: die Hälfte des Einkommens ihrer Partner soll den Frauen direkt überwiesen werden, da sie diesen durch ihre Arbeit die volle Erwerbstätigkeit ermöglichen - ergänzt um steuerfinanzierte Zulagen für Kinder.

Dorothee Markert denkt über Zugehörigkeit und Verwurzelung, über den Unterschied zwischen Arbeitsteilung, bezahlter Arbeit und Geschenken, über Anerkennung, Wertschätzung und das Teilen von Freude, über den Wunsch, daß unsere Tätigkeiten einen Sinn haben sollen, und über Arbeitsteilung und Kompetenzgerangel nach. Sehr klug finde ich den Vorschlag, hierarchische Strukturen zu unterlaufen, ‚indem wir sie als Differenzstrukturen ansehen und behandeln. Dann ist eine Beziehung zum oder zur Vorgesetzten nicht mehr eine Beziehung von Oben und Unten, sondern sie ist geprägt von einer Arbeitsteilung, die mit Differenz zu tun hat.’

In einem solchen System können wir es genießen, nicht alles tun zu müssen (Hand aufs Herz: wie viele von uns wollen beispielsweise einen Job haben, in dem sie Leute entlassen müssen?), können wir auch unseren Chef / unsere Chefin ruhig auf ihre / seine mit ihrem / seinem höheren Gehalt verbundenen Pflichten hinweisen.

Zuständigkeiten klar zu bekennen und zu respektieren ist wichtig, um Hierarchien zu vermeiden - was wieder dazu führt, daß wir uns bei unserer Arbeit wohlfühlen.

Die meisten Frauen haben das eine oder andere davon selbst schon einmal gedacht oder empfunden - wenn sie in einer ungeliebten Arbeit festsitzen, weil sie die Kinder ernähren müssen, wenn sie Notstand beziehen und am Arbeitsamt wie Aussätzige behandelt werden, wenn sich ihre bisher befriedigenden Arbeitsumstände zum schlechteren ändern, wenn ihr Ehemann glaubt, sich mit einem Blumenstrauß von Achtung und Unterstützung freikaufen zu können. Etwas daran zu ändern, ist der nächste Schritt. Lesen und nachdenken und darüber reden sind gute Voraussetzungen dafür.

Philosophieren kann langweilig und trocken sein. Es kann aber auch so leicht und angenehm zu lesen - und dabei in die Tiefe gehend und gesellschaftlich relevant - sein wie dieses Büchlein."

(Irene Fleiss)

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