Pressestimme zu "Was sehen Sie, Frau Lot?"

Aus: Diabolo ? Wochenzeitung für Oldenburg, 17.-23.4.2003

"Diese Ausstellung ist schonungslos, diese Ausstellung ist gut, diese Ausstellung ist notwendig ... Die Künstlerinnen sehen sich in der Tradition von Niki de Saint Phalle, die mit scharfer Munition auf Bilder schoss ("Killing Daddy"). Das war in den Sechzigern und schockte die Szene. Besonders nachdem de Staint Phalle öffentlich machte, dass ihr Vater sie vergewaltigt hatte - zur Tatzeit war sie elf Jahre alt. Ihre Kunst war kein revoluzzerhafter Gag - sie war die Zurschaustellung eines Tabus. 40 Jahre später ist das Thema sexuelle Gewalt kein verschwiegenes mehr. ZeitungsleserInnen sind an Schlagzeilen gewöhnt, die von der Vergewaltigung im Kinderzimmer bis zur Kinderpornografie im Internet handeln. Dass hinter diesen Meldungen Biografien verborgen sind, eine Täter- und eine Opferbiografie - das zeigen Mathieu, Bühn und Pich auf eindringliche Weise. Sie präsentieren den Vergewaltiger-Vater in gestärktem Hemd mit sauberem Kragen (‚die Hemden der Vergewaltiger/weiß’), sie zeigen das Bett der vergewaltigten Tochter: zerrissene Laken auf einem Eisengestell (‚morgenfrüh/wenn er will/wirst Du wieder geweckt’).

‚Kunst zu schaffen ist immer eine Gratwanderung zwischen der persönlichen Sicht auf die Dinge und deren Sichtbarmachung für andere’, erklären die Künstlerinnen im (sehr gut gemachten, sehr informativen) Ausstellungskatalog ...

Etwa ‚Mein 10. Geburtstag’ von Maria Mathieu. Da stehen ein Stuhl und ein Tisch auf einem grobgemusterten Plüschteppich. Auf dem Tisch ist eine angebrochene Tafel Schokolade, vor dem Stuhl liegen zwei zarte, kleine Kinderschuhe aus Stoff - in der Umklammerung zweier derber, grober, riesiger Männerfilzpantoffel. Es kommt Brechreiz auf.

Unbequem auch dies: Auf einem zarten Bügel hängt ein Kinderblümchenkleid, darauf sind die Worte gedruckt: ‚Sie ist was Besonderes/geboren aus dem Stück Dreck/was man sie zu fühlen lehrte/früh’. Auch nicht schön ist das ‚Frühstück mit Papi’: zwei Holzbrettchen, darauf zwei Brötchenhälften, mit etwas undefinierbar Ekelhaftem, Abstoßendem belegt ...

Dass eine solche Tat in letzter Konsequenz auch die physische Vernichtung der Frau zur Folge haben kann, zeigt Renate Bühn mit ihrer Lichtinstallation ‚Tatjana - Hildegard - Christina’. Drei Frauennamen leuchten hell vor rotem Hintergrund, das ist über sie zu lesen: ‚ Tatjana, geboren am 9.11.72, gestorben am 1.11.92, Überdosis’; ‚Hildegard, geboren am 13.11.52, gestorben am 6.2.1994, Herzversagen’; Christina, geboren am 12.9.1968, gestorben am 24.4.1994, sie sprang in den Tod.’...

‚Es ist gut, dass ihr den Mut habt, das Grauen sichtbar zu machen’, hat eine Ausstellungsbesucherin ins Gästebuch geschrieben. Ihr Eintrag endet mit einem Wort: ‚Danke’."

(Britta Lübbers)

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