Pressestimme zu "unverbrauchte worte"

Aus: Mathilde, Sept./Okt. 2005

"In welcher Form sind Frauen und Männer unterschiedlich in der Sprache? Das war die Ausgangsfrage, mit der Chiara Zamboni den Vortrag über ihr neues Buch ‚Unverbrauchte Worte’ einleitete. Männer interessiert diese Differenz nicht, ihnen genügt ihre eigene Wahrheit, während Frauen an der Differenz leiden. Aufgrund dieser Feststellung stellte sich für Chiara Zamboni die Frage neu: Was bedeutet es, eine Frau zu sein und in einer Welt von Frauen und Männern zu leben.

Im ersten Kapitel greift sie auf Walter Benjamin zurück. ‚Er war sehr wichtig für mich’, sagt sie, ‚insbesondere seine Gedanken über die so genannte Sprache der Dinge.’ Benjamin nennt diese Sprache zwar nicht Muttersprache und erstellt auch kein Modell für weibliche Sprache, aber diese Gedanken sind ein Schlüssel zum Nachdenken und der Hebel für politische Veränderung, inwieweit Muttersprache oder Sprache der Dinge in der Politik und der Wirtschaft Veränderung herbeiführen können. Leider wird durch die theoretische Diskussion nicht deutlich, wie Veränderung praktisch im politischen Alltag umsetzbar wird. Zamboni macht es in der Diskussion anhand eines eigenen Erlebnisses anschaulich:

Nach einer politischen Veranstaltung in Venedig war sie sehr müde und schlenderte nachdenklich durch die Stadt, als sie zwei Katzen beobachtete. In diesem Moment erkannte sie urplötzlich, dass diese beiden Katzen das Leben sind, die marxistische Politik, der sie sich bis zu diesem Zeitpunkt verschrieben hatte, nicht der wirkliche Weg ist. Und genau hier hilft die Sprache den Frauen weiter, denn der weiblichen Sprache ist dieses Verständnis von der wirklichen Welt und den Dingen inhärent.

Nach Benjamin beschäftigt sie sich mit Francois Dolto und Mary Daly. Dabei ist vor allem die Brücke, die Dolto zwischen Bedürfnis und Begehren schlägt, von entscheidender Bedeutung. Während unsere Bedürfnisse aus der Situation, in der wir uns befinden, entstehen und uns unsere Grenzen zeigen - wie beispielsweise Hunger und Durst -, schafft das Begehren etwas Neues. Wenn wir von den Bedürfnissen befreit sind, erarbeiten wir uns neue Wege des Begehrens. Das heißt mit anderen Worten, dass die Frauen, um ihr Begehren beispielsweise in der Politik einzubringen, sich ihrer Bedürfnisse entledigen müssen.

Mary Daly stellt die Forderung, dass Frauen, um zu existieren, über die Sprache zum Ausdruck kommen müssen. Das bedeutet nicht, lediglich die weibliche Form in der Sprache zu benutzen, Revolution geschieht nur durch Verinnerlichung. Das heißt: wir brauchen eine Beziehung zur Muttersprache, zur Sprache der Dinge, denn diese formt die Subjekte, und das wiederum muss genutzt werden, um es gegen den Willen von Staat und Wirtschaft, denen an solchen weiblichen Wurzeln nicht gelegen ist, in die Politik einzubringen. In der Diskussion wurde dieser Gedanke wunderschön veranschaulicht: Eine Teilnehmerin erzählte von ihrer Tochter, die in einer Klassenarbeit über das Rechtssystem versehentlich bei allen Berufen die weibliche Form benutzte, weil sie bei der Erarbeitung des Themas immer sich selbst in der Rolle der Richterin, Anwältin usw. sah, da ihr dieser Bezug das Lernen erleichterte. Sie verinnerlichte die weibliche Seite, sie wurde selbstverständlich. Und genau das ist das Ziel."

(gabi)

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