Pressestimme zu "Weibliche Spiritualität und politische Praxis"

Aus: ab40, 2/05

"Die hier versammelten Beiträge sind im Rahmen eines Symposiums über Spiritualität und Politik im Oktober 2000 zum ersten Mal vorgetragen worden. Sie verbinden zwei Lebensbereiche, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Noch erstaunlicher ist, dass sie sich auf Frauen beziehen, die wir nicht nur als unsere Ahninnen bezeichnen können, sondern auch als Mystikerinnen. Die feministischen Philosophinnen Luisa Muraro, Maria-Milagros Rivera Garretas, Gisela Jürgens und Chiara Zambioni bringen uns die Gedankenwege von vier Mystikerinnen nahe, indem sie ihn in einem Dialog mit der Gegenwart einbinden. Die ‚Verknüpfung von persönlichem Begehren und Transzendenz verbindet das Denken der Philosophinnen heute mit dem der Mystikerinnen’, schreibt Antje Schrupp, eine der Herausgeberinnen, in der Einleitung. ‚Das Begehren, das sich auf das Andere richtet, auf das, was (noch) nicht ist, bringt ... die Transzendenz ins Spiel, jenes Andere also, das auch "Gott" genannt werden kann.’

Vorgestellt, zitiert und interpretiert werden Margareta Porete (1255-1310), Teresa von Àvila (1515-1582), Thérèse von Lisieux (1873-1897) und Simone Weil (1909-1943).

So wie in der Vorstellung von Margarete Porete die Verbindung zwischen Menschlichem und Göttlichen darin besteht, dass Gott seine Handlungsmöglichkeiten an die Beziehung zu einem Geschöpf bindet, geht es auch in den anderen Texten darum, Beziehungen aufzubauen, die handlungsfähig machen. Entscheidend dafür ist es, von sich selbst, dem eigenen Begehren und der eigenen Erfahrung auszugehen, sie in Worte zu fassen, um sie dem Urteil anderer Frauen (oder dem Göttlichen), anzuvertrauen. Dieses Eintreten in eine symbolische Ordnung lässt die Differenz zum Geschenk werden, an der eine wachsen kann.

Schon die Gabe, die Dinge aus dem Bann der Gewohnheit zu lösen, wie wir es bei Thérèse von Lisieux finden, löst soziale Spannungen und ist somit politisches Handeln in erster Person.

Welch entscheidende Rolle die Sprache in diesem Zusammenhang spielt, erfahren wir aus den Texten von Theresa von Ávila und Simone Weil. Sprache als erste und wichtigste Vermittlerin der Wirklichkeit spiegelt unsere Beziehung zur Wirklichkeit. Als Instrument für die Vermittlung von Differenz ist sie offen für das Neue, das sich aus der Vermittlung ergibt. Das weibliche Begehren bedient sich der Muttersprache, nicht der abstrakten Sprache der Ideologien und großen Systeme.

Diese Texte, entstanden aus weiblicher Erfahrung und weiblichem Philosophieren in der Begegnung mit weiblicher Autorität, laden zu einer vielschichtigen Wahrnehmung, an deren Ausgangspunkt die eigene Erfahrung steht. Mit ihren Anknüpfungspunkten für unser eigenes Begehren sind sie auch eine gute Ergänzung zu dem Buch ‚Die Zukunft der Frauenbewegung’ von Antje Schrupp."

(Bettina Melzer)

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