Pressestimme zu "Was sehen Sie, Frau Lot?"

Aus: efi, 2, 2005

"Jede vierte deutsche Frau ist schon mindestens einmal von ihrem Partner angegriffen oder misshandelt worden. Für die Studie "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" wurden im vergangenen Jahr 10.000 Frauen zwischen 16 und 85 Jahren befragt. 13 Prozent aller befragten Frauen seien innerhalb oder außerhalb ihrer Partnerschaft vergewaltigt oder Opfer sexueller Nötigung geworden, 58% berichteten über sexuelle Belästigung.

‚Was sehen Sie, Frau Lot’ heißt die künstlerische Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt an Mädchen und Frauen, die im Winter 2005 in München zu sehen war. Die Werke sprechen für sich, der Katalog ist inhaltlich, intellektuell und emotional an bewegender Eindrücklichkeit nicht zu übertreffen. Selten habe ich etwas gesehen, das einen dermaßen mitnimmt in des Wortes doppelter Bedeutung.

Mitgenommen sein, erschüttert, atemlos, frösteln ... Mitgenommen aber auch so, dass die Geschichten der Kunstwerke mitnehmen dahin, wo mich die Künstlerinnen Renate Bühn, Maria Mathieu und Heike Pich haben wollen: an einen geistigen und gefühlsmäßigen, an einen menschlichen Ort, an dem niemand mehr weg-, sondern hinschaut, an dem keiner und keine sprachlos bleibt, sondern spricht, nicht bewegungslos verharrt, sondern handelt.

Auch aus christlicher Sicht gibt es keine, aber auch gar keine Entschuldigung für die Verbrechen am Körper und der Seele kleiner Kinder, Jugendlicher und erwachsener Frauen.

Salzsäure Symbol des Sehens

Was sehen Sie, Frau Lot? Der Titel verweist auf biblische Geschichten um Lot, den Neffen des Erzvaters Abraham. Zwei Engel führen Lot und seine Familie aus der sprichwörtlichen verkommenen Stadt Sodom heraus und warnen sie, sich umzudrehen. Auf die verbrecherischen Einwohner der Städte Sodom und Gomorra regnet es Feuer und Schwefel. Frau Lot kann ihre Neugier nicht zähmen wendet sich um und erstarrt zur Salzsäure. Für die Künstlerinnen ist sie Symbol des Sehens und nicht Verhaltens, des schweigenden Entsetzens. Diese Interpretation hat große Nähe zum biblischen Text. Die Erstarrung von Frau Lot bedeutet glasklar: Es gibt in diesem Leben anständigerweise keine Zuschauerhaltung. Entweder man ist selbst betroffen und/oder man handelt, agiert im Sinne der Menschlichkeit.

Ich habe mich oft schon massiv gegen sexuelle Gewalt gewandt, und man hat sich erkundigt, ob ich selbst solche erlebt hätte. Habe ich nicht. Ich frage mich allerdings: Wohin sind wir eigentlich gekommen, dass man als Frau, die einen respektvollen Vater hatte und einen partnerschaftlichen Ehemann zur Seite hat, sein leidenschaftlich wütendes Engagement gegen sexuelle Gewalt begründen muss?

Unsere Empörung wird gebraucht

Ich bin Theologin und begründe meinen Einsatz gegen Gewalt christlich. Weihnachten feiern wir jedes Jahr die Geburt eines Kindes, das in ärmlichen Verhältnissen geboren und groß geworden ist. Dieses Kind hat als erwachsener Mann sein Leben am Kreuz beenden müssen, weil seine Gegner der Konfrontation mit sich selbst der Begegnung mit ihren Schattenseiten und Abgründen nicht standhalten konnten.

Für Hunderttausende von Jungen und Mädchen in dieser Welt dauert der Weg bis zum körperlichen oder seelischen Ende noch nicht einmal dreißig Jahre. Keines dieser Geschöpfe wird jemals unbefangen Lust und Freude, die zerbrechlichen Geschenke Gottes, genießen können. Jeder neue Tag ist Anlass und Grund, an die Geschöpfe Gottes zu denken, die unsere Empörung brauchen, unseren Aufschrei und unseren Beistand. Damit sie endlich in Würde leben können und das sein dürfen, was sie sind. Kinder, Frauen, Menschen."

(Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin im Kirchenkreis München)

« Pressestimmen zu "Was sehen Sie, Frau Lot?"

« zur Übersicht der Pressestimmen