Pressestimme zu "maria liest"

Aus: Schlangenbrut, Februar 2006

Maria und Hannah Arendt

Die Abbildungen in diesem Buch sind ungewöhnlich: Maria mit einem Buch in der Hand. Josef, der das Kind wiegt, oder Maria auf der Flucht nach Ägypten, die auf dem Esel sitzt und liest. Und auch die 13 Texte von zehn feministischen Theologinnen bzw. frauenbewegten Frauen kreisen um das Geschehen der Geburt - jedoch nicht mit der mit der Ausrichtung auf den Kreuzestod, sondern im Sinne der Geburtlichkeit von Hannah Arendt. Für die große Philosophin des 20. Jahrhunderts ist das körperliche Geboren-Sein durch eine Frau das, was das Besondere des Menschen ausmacht, und nicht der Ausblick auf den Tod oder eine Höherbewertung des Jenseits. Nach Arendt hat jeder Mensch als Neuanfang die Fähigkeit zu handeln, neu und mit anderen in die Welt hinein zu handeln. In diesem politischen Handeln erfährt seine Freiheit. Was hat nun die lesende Maria mit mit der Philosophin Hannah Arendt zu tun? Wenn Künstler oder Künstlerinnen Maria mit einem Buch abbildeten, steht das Buch oder das Lesen für geistige Beschäftigung, für die Öffnung zum Wort, zum Angesprochenwerden, für Nach- und Selbstdenken und auch für ein sich daraus entwickelndes Handeln. Wohlgemerkt: Auch auf den alten Abbildungen ist es Maria, die schwanger ist, die gerade ein Kind geboren hat oder mit dem Neugeborenen auf der Flucht ist. Gebären und ein Kind versorgen schließen ganz offensichtlich das Lesen - und das, wofür es steht - nicht aus: Das ist es, was uns die alten Abbildungen sagen wollen.

Auch die anspruchsvollen Aufsätze in diesem außergewöhnlichen Buch erweitern den Blick auf Maria ganz erheblich. In ihrer Einführung stellt die Herausgeberin, die Freiburger Philosophin Andrea Günter, die spannende Frage: "Ist ein Gott, der akzeptiert, dass eine Frau Nein sagen kann, nicht größer als einer, der vorherbestimmt, genau ordnet und plant, was eine Frau tut?" Und weiter: "Häufig musste Maria die determinierte, willenlose und passive Frau repräsentieren, der passiven und determinierten Frau aber entspricht ein armseliger Gott." Des Weiteren denkt Andrea Günter darüber nach, warum in den Texten der heiligen Schrift der Mutter-Tochter-Beziehung keine tragende Rolle zugeschrieben wird. Eine Fülle von Denkanstößen also, ausgelöst von dem Bild der lesenden Maria. Für die, die sich selber nicht lesenderweise mit diesem Thema auseinander setzen wollen oder ein wenig Hilfestellung haben möchten, bietet Andrea Günter auch Diavorträge oder Veranstaltungen mit Marienliedern (www.andreaguenter.de) an. (Juliane Brumberg)

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