Pressestimme zu "Klara Hitler"

Aus: wolfsmutter.com vom 22.2.2006

In ihrem neuen Buch erzählt uns Christa Mulack von der Unmöglichkeit, im Patriarchat eine gute Mutter zu sein, exemplarisch dargestellt an der "Mutter eines Monsters", Klara Hitler.

Sie war eine liebevolle, bemühte Mutter, die ihre Kinder - und gerade ihren Sohn Adolf - innig liebte und viel opferte, um ihm Schulbildung, Studium und die Verfolgung seiner Interessen zu ermöglichen. Sie klammerte nicht, sondern nahm sogar die Trennung von ihm in Kauf, wenn es gut für seine geistige und soziale Entwicklung war. Wäre sie eine alleinerziehende Mutter gewesen, hätte das vermutlich ausgereicht, um uns das weltgeschichtliche Phänomen Adolf Hitler zu ersparen. - War sie aber nicht. Sie hatte einen brutalen, herzlosen Mann als Ehemann, der in seiner grandiosen (Danke für die Benennung der patriarchalen Grandiosität, Jutta Voss!) Egomanie nicht nur seine Bequemlichkeit über alles stellte, sondern offenbar davon ausging, daß alle Menschen nur für ihn existierten. Er heiratete zunächst eine ältere Frau (des Geldes wegen?), nach der Scheidung nahm er eine jüngere Frau, die mehrere Kinder mit ihm bekam, betrog diese mit seiner blutjungen Nichte Klara, die er als Dienstmagd ins Haus holte, heiratete sie nach dem Tod seiner Frau, schwängerte sie pausenlos und ließ sich von ihr weiterhin "Onkel Alois" nennen. Daneben soff er, saß dauernd im Wirtshaus und prügelte Frau und Kinder.

Klara Hitler hatte kein Mitspracherecht, und sie war offenbar zu Hause bereits gebrochen und derart zugerichtet worden, daß sie nicht auf die Idee kam, er dürfe nicht alles tun, was ihm in den Sinn kam. Als gläubige Katholikin hatte sie vermutlich schwere Schuldgefühle, weil sie mit dem verheirateten Alois Geschlechtsverkehr hatte - die Begriffe "Vergewaltigung" und "sexuelle Nötigung" waren ihr unbekannt. Ihre ersten drei Kinder - in knapp zweieinhalb Jahren (teilweise noch vor der Ehe und vor dem Tod der von ihr gepflegten Ehefrau) geboren - starben rasch, Adolf folgte in geringem Abstand und war das erste Kind, das überlebte. Was mag das für die junge Mutter bedeutet haben, welche Ängste müssen sie bedrängt haben? Es spricht für ihre Liebesfähigkeit, daß sie Adolf offenbar dennoch aufrichtig, nicht besitzergreifend liebte.

Die Autorin beruft sich mehrmals auf Alice Miller, die die Bedeutung dieser besonderen Situation für Adolfs Aufwachsen erkannt hat. Ohne Alice Millers Hitler-Analyse in "Am Anfang war Erziehung" ist jede Beschäftigung mit Hitler unvollständig. Allerdings spricht auch sie von den Fehlern der Eltern, sie verschränkt Alois und Klara Hitler auf unzulässige Weise. Indem sie die Eltern nicht schont, schont sie den Vater.

Die Schuld der Väter ist im Patriarchat ein absolutes Tabu.

Dementsprechend wird in Hitler-Biographien vehement über Klara hergezogen, Alois aber vom brutalen, gefühllosen Schläger zum disziplinierten, zeittypisch strengen Vater gemacht, ja, selbst das bezeugte Prügeln wird geleugnet.

Das eigentliche Problem Klaras als Mutter war ihre absolute Ohnmacht dem Ehemann gegenüber. Eine Frau, die weinend zusieht, wie ihre Kinder brutal verprügelt werden, vergewaltigt das ursprünglichste Gefühl einer Mutter, jenen Instinkt, der jedes Tierweibchen viel stärkere Tiere attackieren läßt, wenn es um den Schutz ihrer Jungen geht. Auch jede Frau will ihre Kinder schützen. Doch im Patriarchat und auf Grund ihrer eklatanten wirtschaftlichen, gesetzlichen und auch geistigen und gefühlsmäßigen Abhängigkeit haben Frauen verlernt, auf diesen Instinkt zu vertrauen. Vor Einbrechern werden sie ihre Kinder schützen - vor dem Vater und vor Vater Staat tun sie es nicht. Das war Klara Hitlers einzige "Sünde": sie war vollkommen patriarchal. Sie hatte die patriarchalen "weiblichen Tugenden" verinnerlicht, putzte, sorgte, hielt das Geld zusammen, war stets beschäftigt, nahm sich nicht einmal die Zeit für ein paar Worte mit einer Nachbarin - die perfekte, unbedankte Hausfrau. Sie war auch vollkommen isoliert, ohne Verwandte (abgesehen von einer behinderten Schwester, die sie pflegte), Freundinnen, Bekannte; ohne Menschen, die ihr ein Fenster in eine andere Welt hätten sein können. Sie verehrte den saufenden, gewalttätigen "Onkel Alois" vor und während ihrer Ehe und darüber hinaus; und obwohl sie allem Anschein nach zwar ungebildet, aber nicht dumm war, kam ihr nie der Gedanke, er könne nicht das Recht haben, nach Belieben mit ihr und ihren Kindern umzugehen. Sie ist, denke ich, aus der patriarchalen Kind(Tochter)-Rolle nie herausgekommen, und ein Kind, das Kinder bekommt, kann ihnen keine wirkliche Mutter sein.

Sie war eine bessere Mutter als so manche andere zu ihrer Zeit, doch das genügte nicht. Konnte es nicht. Was nützt Liebe, wenn sie mit Machtlosigkeit gekoppelt ist? Sie vermittelt die doppelbödige Botschaft: "Liebe ist, zu leiden, wenn das Kind geschlagen wird". Konnte daraus - mißverstanden - "Liebe zu Deutschland ist, zu leiden, wenn man viele Juden töten muß" werden? Vielleicht wäre es für die Welt besser gewesen, Klara Hitler wäre eine schlechtere Mutter gewesen. Vielleicht wäre aus ihrem Sohn dann nur ein Mitläufer geworden, wie es seine Gefolgsleute waren. Denn Adolf Hitler hatte Mutterliebe und mütterliche Beachtung erfahren, in seinem Umfeld konnte aber daraus nur Größenwahn werden. Er hatte nur gelernt, seine Mutter zu lieben (das hat er allen Zeugnissen nach getan), nicht aber, ein das Leben liebender Mensch zu werden.

Ich will nicht auch noch auf Klara Hitler herumhacken, denn sie hat nichts getan, um einen derartigen Sohn zu verdienen; und schließlich ist jeder Mensch auch für sich selbst verantwortlich: niemand muß ein Monster werden, dafür gibt es genug Beweise. Doch diese Konzentration auf das, was Klara getan oder nicht getan hat, zeigt die ambivalente Haltung unserer Gesellschaft Müttern gegenüber: für alles zuständig, für alles verantwortlich, Sündenbock und Prügel"knabe" bei jedem Anlaß, machtlos durch das Gesetz, ohnmächtig jedem/jeder gegenüber. Aus diesem Grund ist dieses Buch so wichtig: Christa Mulack zeigt, daß Mütter im Patriarchat keine Chance haben, wirklich gute Mütter zu sein. Die beste Mutter in einem patriarchalen Umfeld stößt ständig an Grenzen: z.B. Gesetze, die einem mißhandelnden, mißbrauchenden Vater das Recht geben, seine Kinder gegen den Willen der Mutter immer wieder zu sich zu nehmen.

Mütter werden bevormundet, gegängelt und in eine Form gepreßt, die kinder- und mutterfeindlich ist.

Frauen wüßten im allgemeinen schon, was gut für ihre Kinder und sie selbst ist, doch das Patriarchat hat sie so verwirrt und verunsichert, daß sie an sich selbst zweifeln und stattdessen auf (männliche) Kinderärzte, Erziehungsratgeber und Ratschläge aus der "schwarzen Pädagogik" (Alice Miller) hören. Und auch wenn nicht, ist ihr Umfeld stärker als sie. Frauen werden seit Generationen darauf gedrillt, männliche Bedürfnisse wichtiger zu nehmen als ihre eigenen (Mütter dürfen nämlich Bedürfnisse haben!) oder die ihres Kindes. Das Patriarchat vergiftet alles, auch die Mutterliebe.

Christa Mulack stellt die Auswirkungen der patriarchalen Familie in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung, zeigt die psycho-sozialen Gründe für die verinnerlichte Unterwürfigkeit Klara Hitlers auf und fragt nach den patriarchalen Bedingungen des Mutterseins. Themen des Buches sind: Die Ehe als Gewaltverhältnis; männliche Sexualität als Enteignung des weiblichen Körpers; das Problem ungewollter Schwangerschaften; die Verwandlung weiblicher Gebärmacht in Schwäche; die Behinderung mütterlicher Fürsorge; die Verhinderung von stärkenden Frauenbeziehungen; der Vater Alois; "starker" Vater und "schwache" Mutter. Es geht um die Entlarvung des patriarchalen Familienverständnisses, das auf dem kontrollierenden Mann und der gehorchenden Mutter beruht.

Die Autorin zieht ein gesellschaftskritisches Resümee (Mütter kommen nicht vor, werden politisch bevormundet), erläutert die Schwierigkeiten, das System zu verstehen, und nennt vier Schritte, die nötig sind, um Mütter endlich wieder in die ihnen zustehenden Rechte einzusetzen und damit das Leben für Kinder und Erwachsene lebenswerter und würdevoller zu machen. Das hat nichts mit einem "Mütterkult", einer Verherrlichung des Mutterseins oder Biologismus zu tun, sondern mit einer gesellschaftlichen Wertschätzung mütterlicher Werte, die kinderlose Frauen und Männer genausogut leben können und sollen. Mütterliche Autorität versetzt auch Knaben in die Lage, sich positiv mit ihrer Mutter zu identifizieren und nicht in ein gestörtes Konkurrenzverhalten zum Vater einzutreten. Natürlich weiß ich, daß es vernachlässigende, mißhandelnde, kalte Mütter gibt, das weiß sicher auch Christa Mulack - aber das ist auch kein Wunder nach über 2000 Jahren Patriarchat, das Frauen zu einer Mutterschaft zwingt, die sie nicht wollen, und das es Frauen unmöglich macht, auf jene Weise Mutter zu sein, die für sie richtig ist.

Es geht Christa Mulack darum, daß Frauen nicht in ein männliches Lebensmodell gepreßt werden sollen, um ihnen "allein auf diesem Wege Emanzipation, Unabhängigkeit und Wohlstand zu verheißen". In einem männlichen System werden Mütter und ihre Arbeit zur Bedeutungslosigkeit degradiert. Mit mütterlichen Werten haben rührselige Muttertagsgedichte, Mutterkreuze, Mutterschaft als einziges Lebensmodell für Frauen und vereinnehmende Mütter nichts zu tun, denn dies alles kann es nur in patriarchalen Gesellschaften geben.

Mit diesem Buch hat Christa Mulack in gleich zwei Punkten riskiert, mißverstanden zu werden. Der eine ist der angesprochene "Mutterkult", der andere ist der, sie könne Hitler entschuldigen wollen.

Daß dies nicht ihre Absicht ist, muß sie im Vorwort gleich mehrmals betonen. Im deutschsprachigen Raum herrscht die Absicht, Hitler nur als einzigartiges Monster zu sehen, als eine Art Naturkatastrophe, die über die Menschen kam, denn dies entschuldigt die eigenen Taten (bzw. die der VorfahrInnen). Doch das Phänomen Hitler kann nicht isoliert betrachtet werden, zu seiner Entstehung haben soziale, historische, politische und kulturelle Umstände beigetragen, die sich auch in den Biographien vieler ZeitgenossInnen wiederfinden. Das Dritte Reich ist nicht vom Himmel gefallen, war nicht die Schöpfung eines einzigen Mannes, sondern beruhte auf gesellschaftlichen und psychologischen Voraussetzungen, die sich in den Jahrzehnten davor entwickelt haben. All das wird nach Möglichkeit ignoriert, sogar negiert, auch im Schulunterricht. Hitler muß ein singuläres Monster sein. Wer beispielsweise über Josef Stalin und seine Greueltaten spricht oder wer die Zusammenhänge verstehen will, die einen Hitler ermöglicht haben, setzt sich der Gefahr aus, als "Hitler-VerteidigerIn" diffamiert zu werden.

An manchen Stellen hätte ich mir eine ausführlichere Analyse gewünscht. Allerdings soll das Buch ja auch und besonders Frauen ansprechen, die sich mit diesem Themenkomplex noch nicht beschäftigt haben - und nichts daran ist oberflächlich oder greift zu kurz. Meiner Meinung nach wichtig und interessant für: Feministinnen (vor allem, wenn sie hinter allem einen "faschistischen Mütterkult" vermuten), historisch/zeitgeschichtlich, pädagogisch und psychologisch interessierte Frauen und für alle, die über das Werden von Söhnen und Töchtern nachdenken. Ganz, ganz wichtig für Frauen, die Mutter sind oder es noch werden wollen. Und einfach für alle Frauen. Und möglichst auch für alle Männer. Denn Frauen wie Männer sind ja bisher geneigt, alle Schuld ihren Müttern in die Schuhe zu schieben, auch gesellschaftlich: schließlich erziehen ja Mütter die Söhne, nicht wahr? Das ist ja so bequem. Denn da Väter tabu sind, müssen die Mütter schuld sein. Dies muß endlich anders werden. Aus diesem Grund: kaufen, lesen, darüber nachdenken, darüber reden, noch einmal kaufen, verschenken. (Irene Fleiss)

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