Pressestimme zu "Als alle Menschen Schwestern waren, Bd. 1"

Aus: Virginia, Oktober 2007

Vom Ursprung der Zivilisation

 

Die Autorin macht mit diesen Büchern ihrem Namen alle Ehre, denn mit akribischem Spürsinn durchforstet sie die auf einen beträchtlichen Umfang angewachsene Fachliteratur der Matriarchatsforschung. Dabei erschließt sie auch einem ahnungslosen Lesepublikum kulturelle Leistungen und Errungenschaften von Frauen, die bislang noch gerne dem Mann zugeschrieben werden.

Im ersten Band eröffnet sie uns den Blick auf eine Epoche, die gemeinhin als "Vorgeschichte" recht knapp und klischeehaft, nur selten detailliert und differenziert und noch seltener in kompetenter Weise abgehandelt wird. Dabei erfahren Leserinnen und Leser viel über die frühen, von Frauen geschaffenen Sozialverbände, die den Ursprung der Zivilisation bildeten. Sie begegnen Frauen als Erfinderinnen von Sprache, die eben nicht das Ergebnis männlicher Jagd ist, von ersten Werkzeugen, derer sie sich beim Sammeln und Graben bedienten, von Töpferei und Textilhandwerk, die beide die Vorratshaltung erst ermöglichten, aber auch des Kunsthandwerks, das bis hin zu den Höhenmalereien der Altsteinzeit reicht. Wir begegnen Frauen als ersten Heilerinnen und Erfinderinnen der Medizin auf der Grundlage ihrer Kräuterkenntnisse. Aber auch das Rad und der Wagen, die Rechtsprechung und die Zeitmessung, die Geometrie und die Astronomie gehen auf Frauen zurück.

Auch die religionsgeschichtlichen Hintergründe des Welt umspannenden Göttinnenglaubens werden erläutert und in gut verständlicher Sprache dargestellt. Dies geschieht nicht in der Absicht einer rückwärts gewandten Zukunftshoffnung, die auf die Rückkehr matriarchaler Verhältnisse setzt, sondern als Angebot, die Welt auf eine Weise zu betrachten, die jedes Individuum würdigt, die einzigartigen Beiträge jeder und jedes Einzelnen anerkennt, so dass der psychologische Kreis von Hierarchie und Wettbewerb sich aufzulösen beginnt. Irene Fleiss möchte mit diesem Buch "zur Abschaffung des Patriarchats und zum Entstehen eines alternativen Systems beitragen."

Knapp ein Jahr nach dem ersten liegt nun der zweite Band des großartigen Werkes vor. Er steht dem ersten in nichts nach an Inhaltsdichte, Übersichtlichkeit und Verständlichkeit. Irene Fleiss breitet eine Fülle von Themen vor uns aus, die sich zunächst mit dem weiblichen Körper und der Frage befassen: Wie sah das Liebesleben unserer matriarchalen Vorfahrinnen aus?

Wenn das Matriarchat auch alles andere als ein seitenverkehrtes Patriarchat ist, so war doch so manches genau anders herum, wie z.B. das aktive Werben von Frauen sowie ihre offensichtliche Vorliebe für jüngere Liebhaber. Diese wiederum schätzten ältere Frauen als Liebespartnerinnen – auch weil sie von ihnen in dieser Hinsicht einiges lernen konnten.

Konträr zu patriarchalen Kulturen, die von männlicher Sexualität geprägt – wenn nicht beherrscht – sind, widerspricht Fleiss dem patriarchalen Zusammenspiel von "sex and crime".

Von der Sinnlichkeit über die sexuelle Lust und den Umgang mit Nacktheit und Verhüllung, von der religiösen Verehrung von Yoni und Lingam über die Heilige Hochzeit verweist sie uns letztlich auf den Zusammenhang von sexueller Freizügigkeit und Gewaltfreiheit, den sie bis ins Tierreich zurückverfolgt. Viele dieser Kulturen kennen bis heute weder neurotische Perversionen noch ein Wort für "Vergewaltigung"; geschweige denn den Tatbestand als solchen. Diese scheint ein Produkt insbesondere monotheistischer Kulturen zu sein mit ihren vergleichsweise asketischen Vorstellungen, insbesondere im Blick auf das Leben von Frauen. Hier verlernte der Mann offenbar seine Fähigkeit zur Zärtlichkeit, da er es im Aufwind seines männlichen Mono-Gottes nicht mehr nötig hatte, von Frauen zu lernen.

In einer Zeit der Entfesselung sexueller Gewalt, in der sich Männer an Frauen und Kindern gleichermaßen versündigen, klingt es für unsere Ohren nach dem Gerücht von einer "heilen Welt", wenn wir über westliche Missionare lesen, die aus Malaysia im 18. Jahrhundert Folgendes berichten: Die Menschen dort begehen alle "fleischlichen Sünden", "nur eine nicht, nämlich Vergewaltigung".

Interessant ist Fleiss’ Schlussfolgerung, mit der sie Freud widerspricht, dass Lust und Aggressionen nicht aus einer gemeinsamen Quelle stammen, sondern sich gegenseitig hemmen.

Dass friedliebende matriarchale Kulturen nicht etwa dem nostalgischen Gemüt am Patriarchat frustrierter Frauen entstammen, sondern bis heute noch weltweit existieren, zeigt ein detaillierter Überblick über solche Kulturen in Asien, Amerika und Afrika im letzten Teil des Buches.

Am Ende des Buches kann frau nur dankbar sein, dass sich Irene Fleiss dieser umfangreichen Arbeit unterzogen hat, uns mit einem so detaillierten Wissen über Frauen und Weiblichkeit zu versorgen. (Christa Mulack)

 

« Pressestimmen zu "Als alle Menschen Schwestern waren, Bd. 1"

« zur Übersicht der Pressestimmen