Pressestimme zu "Was Philosophinnen über die Göttin denken"

Aus: Virginia, März 2008

Auf der Suche nach matriarchaler Spiritualität

 

In der Blütezeit der Feministischen Theologie in den 80er Jahren entbrannten heftige Flügelkämpfe zwischen politisch-befreiungstheologischen Vertreterinnen (Elisabeth Moltmann-Wendel, Dorothee Sölle, Luise Schottroff u.a.) und den Anhängerinnen eines matriarchalen Gottesbildes (Christa Mulack, Jutta Voss, Elga Sorge u.a.). Zwei besonders wichtige Bücher in jener Zeit waren "Ich verwerfe im Lande die Kriege. Das verborgene Matriarchat im Alten Testament" von Gerda Weiler sowie "Die Göttin und ihr Heros" von Heide Göttner-Abendroth.

Anhängerinnen der Göttin wurden von ihren Kirchen heftigst angegriffen und verließen diese mehr oder weniger freiwillig. Die Idee eines weiblichen Gottesbildes sickerte dennoch hie und da auch ins Bewusstsein christlicher Gemeinschaften, wie die "Bibel in gerechter Sprache" zeigt, wurde jedoch vor allem von Philosophinnen bearbeitet.

Das vorliegende Buch enthält drei Vorträge, die auf einer Tagung der Gerda-Weiler-Stiftung für feministische Frauenforschung e.V. im Herbst 2006 in Stuttgart gehalten wurden.

Annegret Stopczyk (Jahrgang 1951) schöpft aus dem Briefwechsel, den sie mit Gerda Weiler in deren letzten Lebensjahren geführt hat. Sehr rational und sprachphilosophisch geschult, lehnt sie jede Form von Transzendenz ab. "Ich brauche die Göttin nicht", sagt sie. Nur auf sich selbst vertrauend, schöpft sie aus eigenen "leibphilosophischen" Quellen, nennt ihre lebensleitende Intuition aber "Sophiazustand", was Gerda Weiler doch in die Nähe einer Göttinnenerfahrung rückt. Da sie selbst in ihrem Leben die Liebe einer Mutter vermisst hat, schätzt sie besonders "liebende Mutterfrauerfahrungen" und will diese weitergeben an andere Frauen.

Heide Göttner-Abendroth (Jahrgang 1941) beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Matriarchatsforschung. Der Begriff Göttin entstand ihrer Überzeugung nach erst in patriarchaler Zeit, abgeleitet von Gott. Matriarchale Gesellschaften verehrten "Frau Holle", "Frau Venus", "Frau Welt" oder die "Große Mutter". Alle Menschen seien Kinder der Mutter Erde gewesen, es habe keine Trennung zwischen göttlich und weltlich gegeben. Die Göttin als Ehefrau eines herrschenden Gottes sei bereits eine Abwertung. Dennoch sei es heute für Frauen wichtig, von der Göttin zu sprechen und neue Formen matriarchaler Kultur zu entwickeln, um das Bewusstsein von Frauen zu stärken und politischen Widerstand zu leisten gegen patriarchal-dualistisches Denken und die Zerstörung der Natur.

Über die Wiederkehr der Göttinnen bei Gerda Weiler und bei der belgischen Philosophin und Psychologin Luce Irigaray referiert Marit Rullmann (Jahrgang 1953). Vor allem bei Irigaray findet sich ein Verständnis des Begriffs Göttin – die Göttin in uns, nicht über uns –, das nicht weit entfernt ist vom Gottesbild mittelalterlicher Mystikerinnen oder dem mystiknahen Panentheismus einer Dorothee Sölle.

Mehr als ein Drittel des Buches nimmt der spannende Gedankenaustausch per E-Mail ein, den die drei "Schwestern in der Philosophie", wie sie sich gegenseitig ansprechen, zwischen Juni und Oktober 2007 geführt haben. Es ist ein Trialog über Religion, matriarchale Spiritualität und Transzendenz, kontrovers, in gegenseitigem Respekt, nicht abgehoben, sondern sehr lebensnah. Hier werden die einzelnen Positionen noch einmal verdeutlicht und durch persönliche Erfahrungen ergänzt.

In einer Zeit, in der zumindest auf dem Büchermarkt Kämpfe ausgefochten werden pro und contra Gott – mit Angriffen auf einen derart patriarchalen Horrorgott, die alle Feministinnen begeistert unterschreiben würden – mag ein Blick auf eine lebenspendende Göttin durchaus heilsam sein. (Christa Mathies)

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