Pressestimme zu "Mein Kabul - mein Deutschland"

Aus: Virginia, Oktober 2008

Auch sieben Jahre nach dem 11. September 2001 hat die militärische Präsenz des Auslands keinen Frieden für die Zivilbevölkerung Afghanistans gebracht. Der Angst vor islamistischen Terrorangriffen in der Welt entspricht die Angst von Frauen hinter Burqa und Schleier um ihr eigenes Überleben. Alle Programme für den Wiederaufbau haben an der benachteiligten Situation von Frauen und Kinder nichts grundsätzlich geändert.

Vor diesem Hintergrund reflektierte die Exil-Afghanin Mári Saeed in ihren autobiografischen Beschreibungen die komplexen Zusammenhänge zwischen der politischen Entwicklung in Afghanistan und der Unterdrückung von Frauen.

Als Pädagogin und Psychologin wollte sie einerseits den Schleier der Burqa lüften und Gesichter und Geschichten aus der Welt der Frauen Afghanistans zeigen und andererseits anhand ihrer eigenen Entwicklung für Bildung und Selbstbewusstsein von Frauen als Grundlagen für den Wiederaufbau eines freien Afghanistans werben.

In Liane Lehnhoff, der sie bei ihrem Engagement bei Terre des Femmes begegnete, fand sie eine adäquate Koautorin, die sie darin unterstützte, in deutscher Sprache zu schreiben. Die Leserin wird zunächst in die frühere Welt von Mári Saeed geführt, wie sie sie seit ihrer Geburt 1966 im politischen Aufbruch Afghanistans erlebt hat und wie sie sich ihr seit Mitte der 90er Jahre nach der Machtübernahme durch die Mudschaheddin und die Taliban im Exil in Deutschland darstellte.

Familienverbände und Clans waren und sind in Afghanistan die Basis der Gesellschaft. Am Beispiel ihrer Mutter zeigt die Autorin, dass Frauen dabei eine zentrale Position einnehmen. Sie verdeutlicht aber auch, welchem Druck sie ausgesetzt sind, denn patriarchale Strukturen bestimmen, wie sich Frauen zu verhalten haben, ihre "moralische Verfehlungen" würden angeblich der "Ehre" der ganzen Familie schaden. Diese Ambivalenz von Wertschätzung der Ordnungsfunktion der Clan- und Religionskräfte einerseits und andererseits von Wissen um die menschen- und frauenfeindlichen Traditionen, die diese prägen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die Autorin findet zu einer Lösung: Sie vertraut sich in Deutschland Therapeutinnen an, die sie darin unterstützen, ihre Erfahrungen mit struktureller Gewalt und Gewalt in Beziehungen zu verstehen und zu verarbeiten. Ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein macht sie dankbar und stark, um sich für ihre afghanischen Schwestern in ihrem Heimatland und im Exil in Deutschland einzusetzen. Mit wachsender Autorität geht sie diesen mutigen Weg zwischen den Kulturen, von dem sie weiß, dass er sehr viel Verständnis füreinander erfordert. Ein Schritt auf diesem Weg ist dieses Buch.

Die vielen Hintergrundinformationen zum Land, die Fülle der unterschiedlichen Lebensschicksale und das nachdenkliche Bewerten der Autorin machen es zu einer Pflichtlektüre für Menschen, die im Bereich psychosozialer Beratung mit Migrantinnen arbeiten und einen respektvollen Zugang zu ihren Klientinnen finden wollen.

Der Christel Göttert Verlag leistet mit der Veröffentlichung dieses Buches einen weiterführenden Beitrag zur Diskussion, wie Frauen in Afghanistan geholfen werden kann: Der Kampf um die Menschenrechte von Frauen ist ein Kampf um das Überleben des weiblichen Geschlechts. Und der betrifft jede Frau. (Kristin Flach-Köhler)

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