Pressestimme zu "Anna im Goldenen Tor"

Aus: Virginia, Oktober 2008

Die Heilige Anna, Mutter der Maria und Großmutter Jesu, kommt in der Bibel nicht vor. Nur ihr Mann Joachim, der wegen seiner Kinderlosigkeit im Tempel geächtet wird. Es ist das apokryphe Jakobusevangelium und die "Legenda aurea", die die Geschichte vom Engel und vom erfüllten Kinderwunsch erzählen. Vor allem im süddeutschen Raum sind Bilddarstellungen der Anna Selbdritt geläufig: Anna oft übergroß wie eine Muttergöttin, mit Maria und Jesus auf dem Schoß.

Als "Anna im Goldenen Tor" 1990 im Kreuz-Verlag erstmals erscheint, hat Erika Wisselinck längst einen Namen als Kommunalpolitikerin, als Studienleiterin der Evangelischen Akademie Tutzing, als Journalistin, Rundfunkredakteurin, als Vertreterin der autonomen Frauenbewegung in der Werkstatt für Feministische Theologie in Bad Boll und nicht zuletzt als kongeniale Übersetzerin der radikalfeministischen Bücher von Mary Daly.

Erika Wisselinck ist damals 63 Jahre alt und fühlt sich ein in die alte Anna, die im Verlauf eines Jahres in der Rückschau den Stationen ihres Lebens nachspürt. Eine weise Heilerin zeigte ihr den Weg zu einer Empfängnis. Das Kind Mirjam wird vom überfrommen Vater dem Tempel geweiht, muss aber diesen verlassen, als sie geschlechtsreif wird. Als Vatertochter hinterfragt sie die frauenverachtenden Gesetze nicht. Die Tragödie, als die Dreizehnjährige schwanger und um der Rettung der Familienehre willen mit dem alten Josef verheiratet wird, verwindet Anna nicht. Die Frage aller Fragen – war es Liebe oder Gewalt? – quält sie. Mirjams einziger Weg zum Überleben ist die Erfindung des göttlichen Kindes, das sie streng im Glauben der Väter erzieht, vielleicht, um eigene unerfüllte Träume zu realisieren.

Anna lebt nach Joachims Tod eine Zeitlang in Nazareth, wird aber eines Tages im Streit des Hauses verwiesen und hat nun, zum Zeitpunkt des Rückblicks, ihre Tochter seit 23 Jahren nicht mehr gesehen. Anna ist zur anerkannten Heilerin geworden, lebt im Einklang mit der Natur und ihren Gesetzen. Sie misstraut dem einseitig männlichen Gottesbild und der reinen Vergeistigung, weiß um die Kraft, die Frauen aus ihrem jüdischen Umfeld aus dem Göttinnenkult schöpfen. Wohl hat sie Gerüchte über ihren Enkel gehört, der wie viele in jener Zeit als Prediger und Wunderrabbi durch die Lande zieht, hat auch einmal kurz mit ihm über die Frage "Geist oder Natur" gesprochen. Aber von seiner Kreuzigung erfährt sie erst im Nachhinein.

Der großartige und tief bewegende Höhepunkt des Romans ist die späte Begegnung Annas mit ihrer vor den Verfolgern geflohenen Tochter am Tag nach der Kreuzigung. Hochemotional werden alle Konflikte der Vergangenheit offen angesprochen, wird Schuld eingestanden und Schuld vergeben. Beide gehen ohne Bitterkeit auseinander.

Es ist Christel Göttert hoch anzurechnen, dass dieses durchaus subversive Buch sieben Jahre nach dem Tod der Autorin eine Neuauflage erlebt. Und es ist sicher mehr als ein glücklicher Zufall, dass zeitgleich im Diözesanmuseum Rottenburg die aufsehenerregende Ausstellung "Gott weiblich" die Forschungsergebnisse der Theologin Silvia Schroer über die Göttin im Alten Israel präsentiert. (Christa Mathies)

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