Pressestimme zu "Anna im Goldenen Tor"

Aus: Mathilde, Nov./Dez. 2008

Mit historischer Genauigkeit erzählt Erika Wisselinck von der israelischen Gesellschaft in den Jahren 29 und 30 unserer Zeitrechnung. Trotz der Herrschaft eines monotheistischen Gottes ist die alte Mutterreligion und die Verehrung der Göttin Ascherat in der Bevölkerung noch lebendig.

Hauptperson des Romans ist Anna, Mutter von Maria und Großmutter von Jesus. Bekannt ist die Gestalt der Anna, auch als "Anna Selbdritt", vor allem im katholischen Glauben. Es gibt viele Annenkirchen und -Altäre.

In der Legende betet Anna als junge Frau nach langer Kinderlosigkeit um Fruchtbarkeit. Ein Engel verheißt ihr die Geburt einer Tochter und gleichzeitig auch ihrem Ehemann Joachim, der in der Ferne weilt.

Erika Wisselincks Sicht auf diese Geschichte ist von keinem Denkverbot getrübt und für sie ist klar, dass Anna sich nicht auf die Offenbarung durch einen Engel verließ, sondern mit ihrem Kinderwunsch zu einer weisen Frau gegangen ist. Diese Heilerinnen waren damals noch im Vollbesitz ihres umfangreichen Wissens und ihres Erfahrungsschatzes, durften aber nur noch heimlich aufgesucht werden. Die weise Frau befragt Anna und nennt ihr einen nach ihren Angaben berechneten, für eine Empfängnis günstigen Tag.

Dagegen mutet uns die christliche Legende den Glauben an ein "Wunder" zu, an eine irgendwie geistig entstandene Schwangerschaft, die von einem Engel geweissagt wird. Vielleicht sollte durch solche Legenden das Wirken der weisen Frauen unsichtbar gemacht werden. Mit dieser aus Frauensicht neu interpretierten Geschichte lenkt Erika Wisselinck den Blick auf die vorchristliche Spiritualität, die ihre Kraft aus dem Kosmos und der Erde bezog und mit allem Lebendigen verwoben war.

Anna sieht ihren Enkel Jesus als irdische Person, als Rabbi und als Wanderprediger, wenn auch mit besonderen Kräften begabt. Deutlich wird der Gegensatz zwischen seiner Heiltätigkeit durch Wunder und der ganz anderen Heilkunst Annas durch Erfahrung und Verankerung im Alltag der Menschen. Bewegend dargestellt ist die problematische Beziehung Annas zu ihrer Tochter Maria, die mit heiligen Geschichten aufwuchs und – nach einer Legende – von einem Rabbi zu einer gelehrten Frau erzogen wurde. Maria, der als Frau der Zutritt zum Tempel verwehrt bleibt, legt ihre ganze Kraft in die religiöse Erziehung des Sohnes, den sie als göttliches Kind sieht und an dessen Schicksal sie am Ende beinahe zerbricht.

Die Autorin interpretierte biblische Texte provokativ mit Blick auf die vorpatriarchale Kultur und betrachtete das Leben von Anna, Maria und Jesus aus historischer Sicht, indem sie sich ausschließlich auf jüdische Quellen bezog. Entstanden ist ein spannender und subversiver Roman, der die christliche Botschaft relativiert und in Frage stellt. Es ist dem Christel Göttert Verlag zu verdanken, dass es nach achtzehn Jahren endlich neu gedruckt wurde. (B. 0.)

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