Pressestimme zu "Anna im Goldenen Tor"

Aus: MATRIAVAL, 5/2008

Anna, die Heilerin in Jerusalem. Mit ihrem großen Wissen und historischer Genauigkeit erzählt Erika Wisselinck über die israelische Gesellschaft in den Jahren 29 und 30 unserer Zeitrechnung. Die Herrschaft eines monotheistischen Gottes hat sich in Israel in dieser Zeit zwar stabilisiert, aber die alte Mutterreligion und die Verehrung der Göttin Ascherat ist vor allem in der weiblichen Bevölkerung immer noch lebendig.

Hauptperson des Romans ist Anna, Mutter von Maria und Großmutter von Jesus, die als Heilerin in Jerusalem wohnt und ihr Leben reflektiert. Heute noch bekannt ist die Gestalt der Anna vor allem im katholischen Glauben aus der Legende. Es gibt viele Annenkirchen und -altäre. Als häufigste bildliche Darstellung finden wir in unserem Kulturraum die "Anna Selbdritt". In der Legende betet Anna als junge Frau nach langer Kinderlosigkeit um Fruchtbarkeit. Ein Engel verheißt ihr die Geburt einer Tochter und gleichzeitig auch ihrem Ehemann Joachim, der in der Ferne weilt. Erika Wisselincks Sicht auf diese Geschichte ist von keinem Denkverbot getrübt und für sie ist klar, dass Anna sich nicht auf die Offenbarung durch einen Engel verließ, sondern mit ihrem Kinderwunsch zu einer Weisen Frau gegangen ist. Diese Heilerinnen waren damals noch im Vollbesitz ihres umfangreichen Wissens und ihres Erfahrungsschatzes, durften aber nur noch heimlich aufgesucht werden. Die von Wisselinck geschilderte Begegnung mit der "Vogelfrau", die Anna ausführlich nach ihrem Zyklus, nach ihrer Gesundheit, ihrem Geburtsdatum, ihrem Sternbild usw. befragt und danach geheimnisvolle Aufzeichnungen auf einem Papyrus erstellt, ist außerordentlich eindrucksvoll. Die Weise Frau gibt Anna bestimmte Kräuter und nennt ihr einen nach Annas Angaben berechneten, für eine Empfängnis günstigen Tag. Dagegen mutet uns die christliche Legende den Glauben an ein "Wunder" zu, an eine irgendwie geistig entstandene Schwangerschaft, die von einem Engel geweissagt wird. Vielleicht sollte durch solche Legenden die Kraft und Fähigkeit der Weisen Frauen unsichtbar gemacht werden. Mit dieser und anderen an die Bibel angelehnten und aus Frauensicht erzählten Geschichten gelingt es Erika Wisselinck, den Blick auf die vorchristliche Spiritualität zu lenken, die ihre Kraft aus dem Kosmos und der Erde bezog und mit allem Lebendigen verwoben war.

Anna sieht ihren Enkel Jesus als irdische Person, als Rabbi und als Wanderprediger, wenn auch mit besonderen Kräften begabt. Deutlich wird der Gegensatz zwischen seiner Heiltätigkeit durch Wunder und der ganz anderen Heilkunst Annas durch Erfahrung und Verankerung im Alltag der Menschen. Bewegend dargestellt ist die problematische Beziehung Annas zu ihrer Tochter Maria, die mit heiligen Geschichten aufwuchs und – nach einer Legende – von einem Rabbi zu einer gelehrten Frau erzogen wurde. Maria, der als Frau der Zutritt zum Tempel verwehrt bleibt, legt ihre ganze Kraft in die religiöse Erziehung des Sohnes, den sie als göttliches Kind sieht und an dessen Schicksal sie am Ende beinahe zerbricht. Erika Wisselinck zeichnet Jesus nicht als Mann mit matriarchalem Hintergrund, der manchmal bei ihm vermutet wird, da ihm – nach ihm zugeschriebenen Äußerungen – die Herkunft von seiner Mutter niemals wichtig war. Die Autorin interpretierte biblische Texte provokativ mit Blick auf die vorpatriarchale Kultur und betrachtete das Leben von Anna, Maria und Jesus aus historischer Sicht, indem sie sich ausschließlich auf jüdische Quellen bezog. Entstanden ist ein spannender und subversiver Roman, der die christliche Botschaft relativiert und in Frage stellt. Erika Wisselinck, die im Januar 2001 mit 74 Jahren starb, widmete das Buch ihrer Mutter Eva, ihrer Großmutter Marie und ihrer "Sophia", der feministischen Theologin Neile Morton. (Barbara Obermüller)

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