Pressestimme zu "Mein Kabul - mein Deutschland"

Aus: ab 40, 1/09

"Draußen herrschte typisch deutsches Schmuddelwetter. Es regnete und stürmte."

So sieht es auch im Herzen der Afghanin Mári Saeed aus, als sie spürt, dass es für sie sehr schwierig ist, sich mit ihrer Lebensgeschichte anderen Frauen in deutscher Sprache mitzuteilen.

Sie beschließt daher, zunächst über ihr Leben mit Hilfe anderer zu schreiben: "Dann könnte ich aufzeigen, dass Frauen auch in meiner Heimat viele Möglichkeiten offenstanden, wie die Menschen früher im Alltag miteinander umgegangen waren und welch aufgeklärte Menschen es in Afghanistan gab und gibt. Und ich könnte erläutern, warum es für Frauen trotzdem oft auch schwierig war, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, egal wie gebildet oder gut situiert sie waren – wie ich selbst am eigenen Leib erfahren hatte. Von beidem wollte ich berichten."

"Mein Kabul – mein Deutschland. Máris mutiger Weg zwischen den Kulturen" führt unmittelbar nach Afghanistan in die Welt von Mári Saeed, wie sie sich ihr im Laufe ihres Lebens zeigt und wie sie sie begreift, seit ihrer Geburt 1966.

Familienverbände und Clans waren und sind in Afghanistan die Basis der Gesellschaft. An ihrer Mutter zeigt die Autorin, dass Frauen dabei eine wichtige Position einnehmen. Sie verdeutlicht aber auch, welchem Druck sie ausgesetzt sind, denn patriarchale Strukturen bestimmen, wie sich Frauen zu verhalten haben, und behaupten, dass ihre "moralische Verfehlungen" der "Ehre" der ganzen Familie schadeten. Doch vor allem in städtischen Gebieten fanden seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Reformprozesse statt: 1921 die erste Mädchenschule, 1950 konnten Frauen an den Universitäten studieren, 1959 wurde der Schleier offiziell abgeschafft. Was die wenigsten heute wissen: In der Demokratischen Republik Afghanistan (1978-1992) waren Frauen in allen öffentlichen Institutionen repräsentiert und hatten hohe Positionen inne, bis die Mudschaheddin in Kabul die Macht übernahmen.

Als zweitjüngste von neun Geschwistern in einem liberal-religiösen Elternhaus beobachtet Mári Saeed, wie unterschiedlich Mädchen und Frauen in der patriarchalischen islamischen Gesellschaft Afghanistans leben und welche Rolle dabei kulturelle Volkszugehörigkeiten, Bildungsstand und die jeweiligen Machthaber spielen. Die sowjetische Besatzungszeit ermöglicht ihr ein Studium in Moskau und Leningrad. Sie erfährt dort, wie afghanische Männer über ihr Ehrverhalten wachen und sie einschüchtern und in ihrer Freiheit einschränken. Denn der Widerstand in Afghanistan gegen die Besatzungsmacht zeigt sich im Widererstarken traditioneller und fundamentalistischer Kräfte nicht nur im eigenen Land. Im Namen der Religion werden Frauen in alten Traditionen festgehalten und gleichzeitig wächst ihr Versorgungs- und Verantwortungsbereich für Kinder, ältere Familienmitglieder und kriegsversehrte Angehörige. Nach der Machtübernahme der Taliban 1994 sind Frauen aus dem öffentlichen Leben vollständig verbannt, abgeschnitten von Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsplätzen und Teilhabe an gesellschaftlicher und politischer Gestaltung. Auch sieben Jahre nach dem 11. September 2001 hat die militärische Präsenz des Auslands keinen Frieden für die Zivilbevölkerung gebracht. Der Angst vor islamistischen Terrorangriffen in der Welt entspricht die Angst von Frauen hinter Burqa und Schleier um ihr eigenes Überleben. Alle Programme für den Wiederaufbau sind an einer Hälfte der Bevölkerung Afghanistans gänzlich vorübergegangen: Frauen und Kinder hat dieses viele Geld nicht erreicht. Ihre Situation ist auch heute noch katastrophal. Patriarchalische Interessen bestimmen auch die "aufgeklärte" internationale Politik.

Mári Saeed ist es gelungen, die komplexen Zusammenhänge zwischen der politischen Entwicklung in Afghanistan und der Unterdrückung von Frauen darzustellen. Ihre autobiografischen Schilderungen laden Leserinnen und Leser unaufdringlich ein, sich ihr zur Seite zu stellen, mit ihr zu sehen und an ihrer Seite zu erleben, wie sie bereit ist, ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Sie hat männliche Willkür und Macht auf subtile und vielfältige Weise erlebt bei Frauen in ihrer Familie, in ihrer Umgebung und an sich selbst. Mich hat sehr beeindruckt, wie sie, trotz der schmerzhaften Verluste in ihrem Leben, im Exil in Deutschland die Kraft gefunden hat, ihre Erfahrungen von Abhängigkeit und Gewalt in ihrem Leben zu beschreiben, zu analysieren, zu reflektieren und dabei Verständnis zu entwickeln für die dahinter stehenden Beweggründe und Verstrickungen von Frauen und Männern in diesem fundamentalistischen System. Als Pädagogin und Psychologin lüftet sie geschickt den Schleier der Burqa und zeigt Gesichter und Geschichten aus der Welt der Frauen Afghanistans.

Die vielen Hintergrundinformationen zum Land und die Fülle der unterschiedlichen Lebensschicksale machen dieses Buch zu einer Pflichtlektüre, vor allem für Frauen und Männer, die im Bereich psychosozialer Beratung mit Migrantinnen arbeiten und mehr wissen wollen.

Um Frauen mit islamischem Hintergrund in ihrer Differenz wahrnehmen zu können gehört, ihnen offen und respektvoll zu begegnen, Vorurteile und Klischees zu überwinden, sensibel zu sein, genau hinzuhören und gemeinsam herauszufinden, was in ihrer jeweiligen Situation hilfreich und stärkend ist, in Bezug auf ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, und Angebote zu machen, immer und immer wieder …

Mári Saeed will Frauen im Exil in Deutschland und in Afghanistan unterstützen, nicht nur in praktischer Hilfe, sondern auch bei der notwendigen Veränderung ihres Selbstbewusstseins.

Ihr mutiger Weg zwischen den Kulturen, soll auch die LeserInnen ermutigen, kulturelles Grenzland in diesem Sinne selbstkritisch zu entdecken.

Der Ausblick am Ende des Buches von Mári Saeed und das Nachwort von TERRE DES FEMMES stehen für die Einsicht, dass der Kampf um die Menschenrechte von Frauen, ein Kampf um das Überleben des weiblichen Geschlechts ist. Und der betrifft jede Frau.

Mit diesem Buch leistet der Christel Göttert Verlag einen wichtigen inhaltlichen Beitrag für die weiterhin notwendige Diskussion, wie Frauen in Afghanistan geholfen werden kann – auch im Hinblick auf die gerade in Deutschland beschlossene Aufstockung der Afghanistan-Hilfe um 30 Millionen Euro. (Kristin Flach-Köhler)

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