Pressestimme zu "Mein Kabul - mein Deutschland"

Aus: blattgold, 04/2009

Die 1966 in Kabul geborene Mári Saeed wächst in einem eher liberal gesinnten Elternhaus privilegiert auf. In ihrer Autobiografie schildert sie in lebendigen Bildern, wie sie ihre Kindheit, ihre Schulzeit, ihr Studium der Psychologie und Pädagogik, ihre Auslandsreisen, ihre Arbeit in der Lehrerausbildung erlebt und ihren Ehemann selbst auswählen konnte. All das ist nichts Selbstverständliches, wenn man bedenkt, dass sie in einem Land aufwuchs, in dem besonders Frauen vom Bildungssystem ausgeschlossen sind, die Analphabetenrate zur höchsten weltweit zählt und frauenfeindliche Traditionen wirken. Zwar ist die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in der Verfassung Afghanistans verankert, aber Clans wie Familienverbände sind die Grundpfeiler der afghanischen Gesellschaft, das Stammesrecht bestimmt weitgehend das Leben des einzelnen und die Familienehre geht über alles.

Schon bald nach der Heirat muss Mari erleben und erkennen, welch körperliche und seelische Brutalität in ihrem Ehemann steckt. Nun wollen ihre Angehörigen, dass Mári sich um der Familienehre willen der ihr zugeschriebenen Frauenrolle widerspruchslos beugt. Und ihr selbst scheint es unmöglich, die ihr zugedachte Rolle zu verlassen, zu tief ist sie trotz Bildung und Aufklärung in der muslimischen Kultur und deren "Regeln und Symbolen" verwurzelt.

Als sich die politischen Verhältnisse in ihrem Land ändern und die Mudschaheddin die Macht übernehmen, "Frauen waren für sie Freiwild", erfährt sie deren Gewalt: "Dieses Land gehört jetzt den Mullahs". Bedroht und verfolgt flieht Mári mit ihrer kleinen Tochter nach Deutschland: "Von der Flucht durfte niemand wissen, deshalb erzählte ich ihnen, dass ich krank sei und in Kabul ins Krankenhaus müsse." Ohne die Hilfe und finanzielle Unterstützung ihres Vaters wäre die Flucht nicht möglich gewesen.

In Deutschland trifft sie ihren verschleppten Mann wieder, der besessen ist von der traditionellen Vorstellung der paschtunischen Männer, "die ihren Lebenssinn nur in der Zeugung männlicher Nachkommenschaft sehen". Als auch das zweite Kind ein Mädchen wird, steigern sich die Konflikte. Wieder muss Mári fliehen, um sich der Kontrolle und den Morddrohungen ihres Mannes zu entziehen.

Nach vielen Wirrungen schafft sie es, unterstützt von Therapeutinnen, ihrer Angst die Stirn zu bieten und ihren eigenen Weg zu finden.

Ein wesentlicher Schritt dafür war sicherlich das Niederschreiben ihrer Lebensgeschichte, was sie mit Unterstützung der Autorin Liane Lehnhoff, die sie bei Terre des Femmes kennenlernte, vollzog. Dass ihre Sprache im Verlauf ihrer Erinnerungen zuweilen stärker von Nüchternheit und Sachlichkeit getragen wird und mitunter im Widerspruch zu dem Geschilderten steht, ist vermutlich dem Selbstschutz geschuldet.

Heute lebt Mári Saeed mit ihren Kindern in Deutschland, engagiert sich bei Terre des Femmes und unterstützt Frauen in ihrer Heimat im Kampf um ihre Rechte, soweit möglich.

"Mein Kabul – mein Deutschland" ist ein nachdenklich stimmendes und Mut machendes Buch gegen die Entmündigung der Frauen nicht nur in Afghanistan. (Christiana Puschak)

« Pressestimmen zu "Mein Kabul - mein Deutschland"

« zur Übersicht der Pressestimmen