Pressestimme zu "Mein Kabul - mein Deutschland"

Aus: www.beziehungsweise-weiterdenken.de, 21.11.2008

Zerstörte Träume eines Mädchens aus Kabul

Wie die Bedeutung der Familienehre das gute Zusammenleben von Männern und Frauen verhindert

 

Afghanistan-Bücher boomen. In den letzten Jahren erschienen etliche Bücher, in Romanform oder als Sachbuch, die uns die Schicksale der Menschen in diesem bürgerkriegs- und kriegsgeschüttelten Land näher brachten. Und nun also ein weiteres Buch, in dem eine Afghanin erzählt, wie sie in einem wunderbaren Land aufgewachsen ist, in der Sowjet-Union studiert und nun mit Mitte 40 in Deutschland so halbwegs Fuß gefasst hat. Es ist kein fesselnder Roman, der auf einen dramatischen Plot hinführt, es ist ein Lebensbericht, aber spannend ist er trotzdem.

Wer schon beim Lesen anderer Bücher innere Bilder von einem einstmals blühenden Afghanistan mit hohen Bergen, kristallblauem Himmel, kalten Wintern, üppiger Frühjahrsvegetation, vergnügten Familienausflügen und einer reichen Kultur entwickelt hat, wird sie hier alle wiederfinden und dem verloren gegangenen Reichtum nachtrauern.

Ein ganz anderer und neuer Aspekt war für mich die Schilderung des Auslands-Studiums in der Sowjet-Union inklusive der lukrativen Handelsmöglichkeiten, die sich einer Studentin auch in sozialistischer Planwirtschaft offenbar boten. Wirklich betroffen gemacht aber hat mich die alles dominierende Bedeutung der Familienehre, die dazu führt, dass afghanischen Mit-Studenten sogar in Leningrad das Leben der Autorin durcheinander bringen konnten.

Den uns zum Teil sehr fremden Anforderungen dieser Familienehre ordnen sich nicht nur Màri und ihre Schwestern immer wieder freiwillig unter und nehmen dafür viel Leiden in Kauf. Auch ihr Ehemann Farid steht deshalb unter einem immensen Druck, selbst noch Jahre später im weit entfernten Deutschland. Diese alles andere überlagernde Bedeutung der Familienehre, die Afghanen und Afghaninnen schon mit der Muttermilch in sich aufnehmen, führt - nicht nur in Màris Leben - zu einer unendlichen Spirale von eitel Sonnenschein, Gewalt, Leid, Versöhnung und neuen Zerwürfnissen. In Màris Fall war diesbezüglich übrigens nicht der Vater die treibende Kraft. Ihn schildert sie als liberal, einfühlsam und am Wohl seiner Kinder interessiert, letztendlich aber auch in der afghanischen Kultur gefangen. Nein, es ist die Mutter, die nichts Anderes kennt und letztlich nicht anders kann, als sich und die Ehre ihrer Familie immer wieder an den traditionellen Maßstäben zu messen und damit ihre Töchter dem patriarchalen System und den Männern auszuliefern.

Und auch für die intelligente Màri und ihre Töchter bleibt offen, ob ihnen ein neues, anderes Leben in Deutschland auf Dauer gelingen wird, obwohl sie hier immer wieder Unterstützung und wohlmeinende Zuwendung finden. Sie sind schwer traumatisiert und absolvieren zunächst die klassische Frauenhauskarriere mit Flucht aus der Gewalt, Neubeginn, Start in einen Beruf, eigener Wohnung und schließlich Rückkehr in die alten Muster zum neuen Versuch mit dem alten Ehemann. Nicht zuletzt um der Familienehre willen.

Die Schilderungen von Màri tragen dazu bei, zu verstehen, warum Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, nicht so handeln können, wie es hier erwartet wird. Sie helfen, das Herz zu öffnen für Schicksale, die uns fremd sind. Sie sind ein Vorbild für das, was möglich ist, wenn Frauen lernbereit und offen sind und versuchen, ihre Kultur von außen zu betrachten. Heute unterstützt die Autorin Migrantinnen in Deutschland und versucht ihnen ein Gefühl für das eigene körperliche Wohlbefinden zu vermitteln. Mittlerweile konnte sie auch zweimal in ihre alte Heimat reisen und unterstützt dort den Aufbau eines Frauenhauses, wie sie es in Deutschland kennengelernt hat. (Juliane Brumberg)

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