Pressestimme zu "Starke Mütter verändern die Welt"

Aus: KursKontakte, Nr. 161, Februar 2009

Starke Mütter verändern die Welt

"Die vierfache Mutter, studierte Agrarwissenschaftlerin, promovierte Physio-Chemikerin, Erwachsenen- und Persönlichkeitsbildungs-Trainerin Kirsten Armbruster hat parallel zur Erscheinung ihrer vorliegenden Patriarchatskritik als Bürgermeisterkandidatin der Großgemeinde Riedenburg in Bayern respektable 33 % der Stimmen erhalten – und dies, obwohl die etablierten Parteien massiv versucht hatten, sie wegen der Inhalte ihres Buches zu verunglimpfen.

Tatsächlich ist "Starke Mütter verändern die Welt" in nicht geringem Maß dafür geeignet, Kontroversen auszulösen. Schon zu Beginn warnt Armbruster ihre Leserschaft: "Wer hier eine sachliche, möglichst wissenschaftlich fundierte Analyse erwartet, der sollte dieses Buch am Besten gleich wieder zur Seite legen". Mit Emotionalität und Polemik hofft sie stattdessen, "Instinkte aufzuwecken, Intuitionen freizusetzen und Erinnerungen wachzurütteln".
Doch zunächst geht es eigentlich durchaus sehr Fakten-nah zu: Kirsten Armbrusters Analyse dessen, "was schiefläuft" ist für meine Begriffe eine der bislang besten und eingängigsten Einführungen in das faszinierende Weltbild von Matriarchats- und Patriarchatsforschung, das uns so viele bislang rätselhafte Zusammenhänge erkennen lässt und uns zugleich Wut und Mut zur Veränderung schenkt. Ich habe den ersten Buchteil jedenfalls trotz einiger Vorbildung auf diesem Gebiet sehr gerne gelesen und vor allem in Sachen matriarchaler Mythologie noch einiges dazugelernt. Armbrusters Patriarchatskritik ist äußerst fundiert und mit berechtigtem Zorn gewürzt. Sollten Sie als gelegentlicheR KursKontakte-LeserIn sich immer wieder einmal wundern, was es eigentlich mit dem vielbeschworenen Matriarchat und dem angeblich für so viele Übel verantwortlichen Patriarchat auf sich hat, so kann ich Ihnen das Buch – mit Einschränkungen – als Einstiegslektüre durchaus empfehlen.
Zu den Abstrichen zählt etwa, dass die Autorin es unterlassen hat, für thematische NeueinsteigerInnen schwer verständliche Fachbegriffe und Fremdwörter zu erklären. Schade auch, dass sie gar nicht auf die politische Grundstruktur von matriarchalen Gesellschaften eingeht. Sehr ausführlich geht es zwar um das spirituelle Weltbild dieser Gesellschaften – dass es sich bei ihnen jedoch per Definition um herrschaftsfreie Systeme mit basisdemokratischer Entscheidungsfindung handelt, wird nicht eindeutig genug herausgestellt. Dabei ist doch gerade dieser Punkt so essenziell und revolutionär! Da darf sich Kirsten Armbruster dann nicht wundern, wenn ihre lokalpolitischen KontrahentInnen sich an ihrem Vorschlag aus dem zweiten Buchteil reiben, einem Weisen Rat von 13 alten Müttern die Beratungs-"Macht" über die Welt anzuvertrauen, denn das muss selbst in den Ohren eines CSU-Gemeinderats sehr undemokratisch klingen. Die Matriarchatsforschung ist an diesem Punkt aufgefordert, immer wieder zu erklären, warum es für diese herrschaftsfrei-egalitär organisierten Völker keinen Widerspruch darstellt, die Autorität der Clanmutter, eines Häuptlings/Sachems oder eines Ältestenrats anzuerkennen. Ohne diese Erklärung sind freilich auch die im Buch unkommentiert wiedergegebenen Passagen, wie z.B. die folgende (von der Archäologin Maria Gimbutas), immer missverständlich: "Die Gesellschaft war um eine theakratische, demokratische Tempelgemeinschaft organisiert, die durch eine hoch angesehene Priesterin und ihren Bruder (oder Onkel) geführt wurde; ein Frauenrat diente als Regierungsorgan …" – Ja, was denn nun: anarchische Konsens-Basisdemokratie, wie sie für Matriarchate eigentlich kennzeichnend ist, oder doch wieder "Führung" und "Regierung"? Und wie passt eigentlich der Begriff einer (Geschlechter-)"Ausgleichsgesellschaft" damit zusammen, dass in Matriarchaten Frauen und Mütter dennoch einen zentralen Status besitzen? Und: Was genau bedeutet "matriarchales KönigInnentum"? Die Matriarchatsforschung wird niemals den Nimbus von Matriarchaten als vermeintlichen "Frauen-Herrschaften" überwinden können, wenn die scheinbaren Widersprüche und Begriffe vor allem der politischen Strukturen nicht jedes Mal wieder eindeutig geklärt werden!
Meine vorrangige Kritik betrifft allerdings die Ausrichtung von Armbrusters Botschaft, die sich – wie der Titel ja bereits andeutet und wie in der Szene der Matriarchatsinteressierten üblich – fast ausschließlich an die Adresse von Frauen bzw. Müttern richtet. Ja, es mag ja sein: Mütter, Frauen und Kinder haben unter patriarchalen Verhältnissen fast immer mehr zu leiden als Männer. Und ja: Vermutlich macht sie das tatsächlich zu so etwas wie den primären "revolutionären Subjekten", wie Marxisten es einstmals von der unterdrückten Arbeiterklasse geglaubt haben. Das Problem, das sich jedoch mit jeder weiteren Matriarchats-Publikation an ein reines Frauenpublikum ergibt, ist, dass Männer das vermeintlich exklusive Frauenthema immer suspekter finden und sich deshalb in der Regel auf die für eigentlich alle Menschen essentiell wichtigen Erkenntnisse und Ansätze der Matriarchatsforschung gar nicht erst einlassen werden – selbst wenn sie eigentlich "reif" dafür wären.
Die Vision einer "matrivivialen" Gesellschaft, die dem Leben – und nicht mehr wie heute der Zerstörung des Lebens – verpflichtet ist und in der "die Mutter die sakrale Mitte bildet", kann, so die Autorin, erreicht werden, wenn Frauen und Mütter sich wieder ihrer mannigfaltigen Seins-Macht bewusst werden. Diese Macht zielt – das ist wenigstens an dieser Stelle eindeutig benannt – nicht auf Herrschaft, sondern besteht aus vier Pfeilern: der Gebärmacht von Frauen, der Erziehungsmacht von Müttern, der Arbeitsmacht (laut einem UNO-Bericht leisten Frauen weltweit 75 % der bezahlten und unbezahlten Arbeit, erhalten dafür aber nur 10 % der bezahlten Löhne und Gehälter und nennen bloß 1 % allen Besitzes ihr Eigen) sowie die Macht der Frauen als Konsumentinnen. Allein ihre lebenserhaltende Stellung in der Reproduktions- und Subsistenzarbeit macht die aus ihrer uralten würdevollen zentralen gesellschaftlichen Stellung verstoßenen Frauen dieser Welt zu einem echten Machtfaktor: Wenn sie sich auf einen Generalstreik (inklusive Gebär- und Pflegestreik) einigen würden, könnten sie nach Ansicht von Kirsten Armbruster in einer Art Lysistrata-Strategie das patriarchale System innerhalb kürzester Zeit stürzen und die aus der Frühgeschichte bewährte matriarchale/matriviviale Ordnung von Wahrheit, Weisheit, Harmonie und Gerechtigkeit wieder ins Recht setzen.
Von der Bildung neuer Wahlverwandtschafts-Clans, wie Heide Göttner-Abendroth dies unter anderem in der KursKontakte vorgeschlagen hat, ist bei Kirsten Armbruster dabei ebensowenig die Rede wie von ökonomischen Modellen, die – wie bei Matriarchaten vielfach üblich – ganz ohne Geld auskommen. Die Autorin scheint, und das ist für Matriarchats- und SubsistenzbefürworterInnen eher ungewöhnlich, vielmehr manchmal der Ansicht zu sein, dass sich Ungerechtigkeiten und nicht-nachhaltige Strukturen vor allem durch Geldzahlungen und Geld-Reformen transformieren ließen. Mindestens an diesen beiden Stellen (und in puncto Herrschaftsfreiheit) fehlt dem Buch für meine Begriffe die visionäre Kraft, die andere Veröffentlichungen aus dem Umfeld dieser Disziplinen auszeichnet. Der einzige konkrete Handlungsvorschlag, den "Starke Mütter verändern die Welt" den Frauen geben kann, ist die Besinnung auf die ursprüngliche soziale Stellung aus vielen tausend Jahren Urmatriarchat in der Bronzezeit sowie auf die oben skizzierte vierfältige Seinsmacht. Das ist bei Lichte betrachtet freilich schon eine ganze Menge, und ich finde diese Ideen auch absolut unterstützenswert – solange der matriarchale Bewusstseinswandel nicht nur an der einen Hälfte der Menschheit festgemacht wird! Denn bevor frau alle Karten auf eher konfrontative Strategien wie einen Generalstreik setzt, sollte nichts unversucht bleiben, möglichst viele der noch an patriarchalen Vorstellungen verhafteten Männer durch sanfte Aufklärungsarbeit in die Matrix jener Menschenkultur zurückzuholen, in der alles Leben im Mittelpunkt steht." (Jochen Schilk)

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