Pressestimme zu "Seiltanz"

Aus: www.fembio.org, 23.9.2009

Das Buch sollte ursprünglich Seitan heißen, erfahre ich am Schluss. Zu Seiltanz wurde es dank eines Hörfehlers der Freundin Doli.

Vor der Lektüre dieses Buches hatte ich von den meisten Dingen, die darin ganz selbstverständlich verhandelt werden, keine oder fast keine Ahnung. Ich tauche ein in einen sehr fremden Alltag, bei dem sich vieles, ja fast alles, um die richtige Ernährung (z.B. mit Seitan) und die richtige feministische und achtsame Lebensweise dreht.

Felicianna, eine der beiden "Heldinnen", die zugleich die Autorinnen sind, ist Mitte der neunziger Jahre mit etwa 55 Jahren an Krebs erkrankt. Sie hat zwei Knoten in der Brust, die plötzlich, nachdem sie jahrelang harmlos waren, bösartig geworden sind. Und nun geht der Kampf los, der Kampf gegen die Ärzte und Ärztinnen der Schulmedizin, der Kampf gegen die Krankheit und auch der Kampf um die Beziehung zwischen Felicianna und ihrer etwas jüngeren Geliebten Kaie, die auch nicht sehr gesund, aber nun extrem gefordert ist.

Die beiden schreiben ein gemeinsames Tagebuch, in dem wir Schritt für Schritt an der Entwicklung der Krankheit und an ihren Kämpfen, Niederlagen, Hoffnungen und Teilsiegen teilnehmen dürfen/müssen. Die beiden sind sehr entschlossen - obwohl alle Welt Felicianna zu einer schulmedizinischen Behandlung mit Operation, Bestrahlung und Chemo rät, lehnt sie das alles ab und sucht eine naturheilkundliche Lösung, und ihre Lebensgefährtin Kaie unterstützt sie darin durch all die Jahre.

Ich habe das Buch auch wie einen Krimi gelesen und nicht hinten nachgeschlagen, wie das Drama ausgeht. Das führte schließlich dazu, dass ich mitten in der Nacht aufstand, um das Buch zu holen und es zu Ende zu lesen, weil mich das Schicksal und der Kampf der beiden so in seinen Bann gezogen hatte.
Der Rückentext lässt das Ende offen, und so will ich hier auch nichts verraten.

Es ist eine sehr fokussierte Geschichte, mit großer Konzentration geht es um wenig mehr als diesen Kampf mit seinen wechselnden Triumphen und Enttäuschungen, bohrenden, brennenden oder dumpfen Schmerzen und Glücksmomenten. Dies macht die Geschichte zwar etwas einseitig - sie hat fast nur dies eine Thema, das in allen Variationen durchgespielt wird (fast alle Freundinnen haben - entsetzlich - ebenfalls Krebs), aber es erzeugt auch einen Sog, dem die Leserin sich schwer entziehen kann.

Eine Leserin, die sich weder mit Krebs, noch mit alternativen Heilmethoden, Makrobiotik, veganer Ernährung, Tarot, QiGong etc. auskennt (wie ich), kann das Buch auch als Einführung in eine ganz fremde Welt lesen, die mitten unter uns, mitten in Berlin, mit großer Entschlossenheit offenbar von vielen Frauen gelebt wird. Fast wie ein anthropologisches Fachbuch über alternatives Leben und alternative Ernährung.

Vor allem ist es aber ein detaillierter Bericht darüber, wie eine Liebe zwischen zwei Frauen hier und heute in der alltäglichen Praxis gelebt wird, und wie sie selbst unter schwersten Belastungen Schönheit entstehen lässt: Feliciannas Haiku-Gedichte, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind, sind eine schöne und tröstliche Begleitung durch die Hölle einer Krebskrankheit. (Luise F. Pusch)

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