Pressestimme zu "Weit über Gleichberechtigung hinaus ..."

Aus: Schlangenbrut, März 2010

Ina Praetorius ist ein kleines Kompendium feministischer Ideengeschichte gelungen, mit dem sie an die Wünsche und Ziele der Frauenbewegung erinnert, die über Gleichberechtigung hinausgehen und mit dem sie all jenen, die davon noch nichts gehört haben, feministische Einsichten und Visionen ganz praktisch nahe bringen will. Dabei lädt sie ein zum Perspektivwechsel: Nicht Hierarchien sollten umgekehrt werden, sondern ein grundsätzliches Aufräumen sei angesagt.
Praetorius ermutigt die LeserInnen, durch kreatives Fragen Orientierungslosigkeit zuzulassen, damit sich neue Sichtweisen und neue Worte entwickeln können: "Erzieht die Alleinerziehende wirklich allein? Wem erlaubt sie, ihr zu helfen? ... Ist Patchworkfamilie schon ein passender Begriff oder müssen wir weitersuchen?" Mit dieser Fragehaltung reflektiert sie weitere Themen wie Gesundheit, Geschichtsschreibung, Umwelt, Kriegsführung, Geburtlichkeit statt Todesfixiertheit und Marktwirtschaft. Es gelingt ihr, kontroverse feministische Standpunkte darzustellen und die LeserIn in diese Denkprozesse mit hineinzunehmen.
Besonders angesprochen hat mich die Idee "intervitaler Gespräche", eine Methode aus den Anfängen der feministischen Bewegung. Es handelt sich um authentisch geführte Gespräche, in denen sich Menschen austauschen über das, was ihr Leben zusammenhält, ihnen Sinn gibt, was an Fragen offen bleibt, welche Rolle dabei ihre Traditionen spielen und wie sie damit umgehen.
Diese Methode ist ein vielversprechender Weg, die "geschlechtlichen Tiefenstrukturen der Probleme", die uns heute umtreiben, zu erkennen und dafür Worte zu finden jenseits der zweigeteilten Ordnung. Denn in solchen Gesprächen wird deutlich, dass die Befreiung aus angestammten Rollen nicht nur für Frauen neue Freiheiten ermöglicht, sondern einer neuen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens Raum gibt, die das gute Leben für alle ermöglichen will. Die Literaturliste, die Ina Praetorius zusammengestellt hat, bietet für solche Gespräche eine ausgezeichnete Grundlage.
(Kristin Flach-Köhler)

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