Pressestimme zu "Über die Liebe zum Gras an der Autobahn"

Aus: Virginia, März 2010

Liebe zur Welt und Verantwortung für ihren (schrecklichen) Zustand

 

Die Politologin und Soziologin Claudia von Werlhof gehört zu den theoretisch am besten "gerüsteten" Patriarchatskritikerinnen der Gegenwart. Sie schreibt aus einer matriarchalen Perspektive, denn, so betont die Autorin, nur mit dieser Sichtweise lässt sich das Patriarchat kritisieren und überwinden.
Im Christel Göttert Verlag ist nun ein neues Buch von ihr erschienen, eine Sammlung von streitbaren Reden, Traktaten, Briefen und Aufsätzen. Sie repräsentieren ihr umfangreiches Gesamtwerk, das sich mit allen Bereichen des Lebens auf dieser Welt befasst. Sie schreibt über den Wissenschafts- und Bildungsbereich, atomare Bedrohung, totalitäre Politik, Krieg, insbesondere den Krieg gegen Frauen, falsche Ethik, Technik mit katastrophalen Konsequenzen, über die Beherrschung und Zerstörung der Natur bis hin zu den negativen Folgen der Globalisierung und den Patentierungen frei wachsender Pflanzen aus Profitgründen.
Nach der Lektüre ergibt sich ein klares Bild, wie all diese Bereiche vom Patriarchat bestimmt und geprägt worden sind.
Werlhofs scharfe Kritik beschränkt sich nicht allein auf die Aufdeckung der zerstörerischen Mechanismen, sondern sie zeigt auch Möglichkeiten und Wege des Ausstiegs aus diesem System. Dazu haben die Innsbrucker Professorin und ihre MitarbeiterInnen an der Universität weltweit Alternativen erforscht. Mit Zuversicht sprechen sie von einer neuen Zivilisation und wie sie entstehen könnte.
Dass diese andere Zivilisation, die das "Gute Leben" bringt und lebt, nur bestehen kann, wenn Gesellschaft, Politik und Spiritualität zusammenwirken, gehört zu den Ergebnissen ihrer Forschungen.
Claudia von Werlhof entwirft eine neue, gesellschaftliche Ordnung, die nicht in Profitgier wurzelt, sondern in Lebensfreude, in der Liebe zu allem Lebendigen, in der Vielfalt und Fülle der Natur, in Ausgewogenheit, im Respekt gegenüber allen Lebensformen.
Wie diese neue Zivilisation verwirklicht werden kann, erfahren wir in ihrer Rede vor jungen StudentInnen während der Entstehung der zweiten Studentenbewegung. Claudia von Werlhof, die schon mehrere soziale Bewegungen mitgetragen hat, ermuntert junge Leute, ihre Leidenschaft zu leben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und die Wissenschaft so zu betreiben, dass sie dem Leben dient.

Ihre Erkenntnis der Verbundenheit mit allem Seienden, die so unerlässlich für die neue Zivilisation ist, stammt aus einer Beobachtung, die den Titel ihres Buches begründet:
Wie so oft ist die Autorin mit dem Auto unterwegs auf der Inntalautobahn. Inmitten des rasenden Verkehrs sieht sie Gräser am Straßenrand im Sonnenlicht glänzen. Im Vorbeifahren sieht und spürt sie ihr auffällig unauffälliges Dasein. Und es überkommt sie plötzlich eine übermächtige Liebe – zu den Gräsern an der Autobahn. Sie spürt diese Liebe im eigenen Leib, in der Aura um ihren Kopf, mit allen Fasern ihres Wesens.
"… und während ich noch erstaunt diesem Empfinden nachlausche, ist sie da: die Verbundenheit mit Allem, vom Grashalm bis zum Kosmos." Claudia von Werlhofs über die Jahre hinweg entstandenen Reden und Texte werden in dem Band durch Nachbemerkungen aktualisiert. Wir erfahren, was aus den verschiedenen Kämpfen und Aufklärungsbemühungen wurde, sie denkt manch Angefangenes zu Ende, stellt neue Fragen oder fasst zusammen, was andere ForscherInnen dazu dachten und wie sie vorgingen.
Wenn wir Fragen zum "Guten Leben" haben, dann sollten wir der Autorin zuhören. (Uschi Madeisky)

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