Pressestimme zu ""Wir dachten alles neu""

Aus: www.diestandard.at, 22.4.2010

Die Feministin Erika Wisselinck hat die Frauenbewegung und -politik in Deutschland entscheidend mitgestaltet – Jetzt ist ihre Biografie erschienen, die sich als ein Dokument von 50 Jahren frauenbewegter Geschichte erweist

Erika Wisselinck (1926 - 2001) war Journalistin, Autorin, Politikerin und vor allem Feministin. In all ihren Funktionen hat sie die Bewegung der Frauen beeinflusst und mitgetragen. Als Mädchen musste sie die Nazizeit genauso miterleben wie das konservative Frauenbild der Nachkriegsjahre. Lange vor dem Aufkeimen der Frauenbewegung thematisierte sie in ihren Zeitungsartikeln und Hörfunk-Sendungen die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts. Und auch als SPD-Politikerin zeigte sie frauenpolitisches Engagement. Als sich die ehemalige Einzelkämpferin fast 50-jährig der feministischen Bewegung anschloss, verstärkte sich ihr Einsatz für eine gerechtere Welt noch mehr. Sie übersetzte einige der maßgeblichen Grundlagenwerke feministischer Autorinnen wie Mary Daly und Robin Morgan ins Deutsche, publizierte vier bahnbrechende Bücher und gründete feministische Projekte. Bis zu ihrem Tod blieb sie in Bewegung.

Kürzlich ist ihre Biografie erschienen, ein Vorhaben, das sie selbst nicht mehr umsetzen konnte. Die Autorin Gabriele Meixner, die Erika Wisselinck persönlich gekannt hat, sollte zu deren 75. Geburtstag eine Denkschrift verfassen. Dazu ist es nicht mehr gekommen, nachdem sie im Jänner 2001 gestorben ist. 2005 wurde Gabriele Meixner von den Nachlassverwalterinnen beauftragt, diese Biografie zu schreiben. Nach jahrelangem Sichten von Bergen an Unterlagen und einer Menge an Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Freundinnen ist das Buch fertig, das viel mehr ist als bloß eine Biografie. Es liegt nun ein einfühlsam und spannend gestaltetes historisches Dokument vor, das auch den jüngeren Frauen ein Stück frauenpolitischer und feministischer Geschichte zur Kenntnis bringen kann. Gabriele Meixner schreibt in ihrem Vorwort: "Als ich von ihrem Tod erfuhr, war es, als sei eine beginnende behutsame Freundschaft abrupt abgebrochen. Und so sehe ich mein Nachdenken über sie als Versuch, das begonnene Gespräch mit ihr auf anderem Weg fortzusetzen".
(…)

50er-Jahre: Stationen zum Journalismus
(…) Obwohl sie gut verdient, ist sie unzufrieden, will sie doch unbedingt Journalistin werden. Kurz entschlossen kündigt sie und und belegt die Fächer Volkswirtschaft, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität. Als sie dann einige Artikel für das "Hamburger Sonntagsblatt" schreiben darf, ist sie zufrieden. Jetzt kann sie ihren Traumberuf realisieren und gleichzeitig ihr Studium finanzieren. Ab 1958 schreibt sie für kurze Zeit für die "Süddeutsche" und ab 1960 arbeitet sie für den Bayerischen Rundfunk.

60er-Jahre: Anfänge der Frauenthematik
Erika Wisselincks Engagement ist enorm. In ihren Sendungen scheut sie nicht davor zurück, heikle Themen zu präsentieren. Sie leistet Aufklärungsarbeit über die Nazi-Gräuel, berichtet über die Contergan-Affäre und im Laufe der Zeit immer mehr über die untergeordnete Stellung der Frau. Bereits Anfang der 60er-Jahre, zu einer Zeit, als die gesellschaftliche Stimmung noch sehr misogyn war, wagt sie sich an feministische Themen. 1962 nimmt sie mit der Studienleitung der Evangelischen Akademie in Tutzing einen zweiten Job an, in dem sie ebenso "ihre Frauenthemen" in den Fokus stellt. (…) Mit der sogenannten 68er-Revolution, in deren Sog sich die Frauenbewegung etabliert, werden die Frauen hellhöriger. Hörerinnen bedanken sich für Wisselincks Sendungen, liefern positives Feedback. (…) Plötzlich ist die Theorie Praxis. Das erkennen auch die männlichen Redakteure und Chefs von Erika Wisselinck, die das gar nicht so lustig finden, dass sich ihre Frauen daheim emanzipieren. Ihr Unbehagen wächst und sie lassen es Erika in Form von Gehässigkeiten spüren. Je sichtbarer der Feminismus wird, umso massiver äußert sich der Anti-Feminismus in den Mainstream-Medien. Wisselinck wird als "männermordende Emanze" dargestellt.

70er-Jahre: Frauenbewegung und Sexismus
Die Männer rücken wieder mehr zusammen und die Frauen vernetzen sich in Mediengruppen, die wiederum von den Männern boykottiert werden. Erika Wisselinck ist in ihren Artikeln und Sendungen um Aufklärung bemüht, doch es hilft nichts. Der alte Separatismus verstärkt sich. Daraufhin schaffen Feministinnen ihre eigenen Räume. Die autonome Frauenbewegung baut flächendeckend Projekte auf: Frauenzentren, Verlage, Buchläden, Frauenhäuser, Bildungs- und Gesundheitszentren (…)
Erika Wisselinck verschlägt es eine Zeit lang in die Politik. 1972 wird sie als SPD-Kandidatin für das Landratsamt im Kreis München-Land aufgestellt, wodurch die SPD erstmals eine Frau ins Rennen schickt. Sie erringt immerhin 42, 2 Prozent der Stimmen und wird daraufhin "Mrs. 42 %" genannt. Obwohl das sensationelle Ergebnis für das Amt der Landrätin nicht ausreicht, ist sie noch zwölf Jahre lang als Kreisrätin tätig. Und wieder setzt sie sich für Frauen ein: Frauengesundheit, Frauensprache in Ämtern, Rhetorikkurse für Frauen etc. - doch irgendwann ist ihr klar, dass sie mit der Parteipolitik nicht weiter kommt. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits mit der autonomen Frauenbewegung Kontakt aufgenommen.

1973 gründet sie die Monatszeitung "Korrespondenz die frau", die noch vor EMMA und Courage" zwölf mal jährlich fundiert feministisch Bericht erstattet. Das Besondere daran ist, dass andere Zeitungen die Artikel kostenlos übernehmen dürfen, denn - so das Ziel von Wisselinck - auf diese Weise kann die feministische Thematik breit gestreut werden. Ende der 70er-Jahre werden ihr aufgrund der als bedrohlich empfundenen Inhalte innerhalb der Redaktion Probleme gemacht und Wisselinck sieht sich nach sieben Jahren Arbeit gezwungen, zu kündigen. Bald darauf wird sie aus der Evangelischen Akademie in Tutzing geschmissen. Auch hier gelten ihre Themen als "zu heiß".

1976 lädt Alice Schwarzer dreißig Publizistinnen zur Gründung von EMMA, in der Folge schreibt Erika Wisselinck als freie Redakteurin für das Blatt, ab 1978 fix auf Honorarbasis, jedoch unter zwei verschiedenen Pseudonymen. Doch bald leidet sie unter den arbeitsrechtlichen Missständen in der Redaktion und unter dem autoritären Führungsstil von Alice Schwarzer. Nachdem kein klärendes Gespräch mit derselben möglich ist, hört sie nach drei Monaten wieder auf. Schwarzer bezeichnet Wisselinck daraufhin als "alternde Journalistin", die nur deshalb bei EMMA begonnen habe, weil sie keine anderen Möglichkeiten gehabt. Wisselinck kontert: Schwarzer sei ein "Macho im Rock". 

80er-Jahre: Ganz der Frauenbewegung verschrieben
Ab 1980 stellt Erika Wisselinck ihre Existenz total auf die feministische Theorie. Sie zieht sich aus allen Medien zurück, beginnt mit Übersetzungsarbeiten von feministischen Werken amerikanischer Autorinnen wie Mary Daly, Robin Morgan, Janice Raymond u.a. und schreibt ihre eigenen Bücher: "Frauen denken anders", "Hexen", "Jetzt wären wir dran" und "Anna im Goldenen Tor". Dies alles tut sie zu überwiegenden Teilen in ihrem Haus auf Porto Santo, das sie 1979 gekauft hat.

Sie beginnt mit Mary Dalys monumentaler Patriarchatskritik "Gyn/Ökologie", das 1978 in den USA erschienen, zum Hauptwerk der feministischen Philosophie, grundlegend für viele weiterführende Debatten und auch für Wisselincks Sichtweise richtungweisend wird. Daly benennt nicht nur die alle Strukturen umfassenden Gräuel des Patriarchats vom Füßeeinbinden bis zur Genitalverstümmelung, sie hat auch eine eigene Sprache entwickelt, die Erika fasziniert.

In ihrem ersten Buch "Frauen denken anders" tritt Wisselinck zwar für den Differenzansatz (im Unterschied zum Gleichheitsansatz) feministischer Theoriebildung ein, betont aber, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht auf Biologie begründet seien, sondern dem anderen Erfahrungshintergrund. Frauen hätten eine Ethik der Zuwendung, sie wählten immer eine Lösung, die am wenigsten Schmerz zufügt und handelten nach dem Prinzip der Gewaltlosigkeit.

(…) Erika Wisselinck, die sich bereits 1958 mit der Wegwerfgesellschaft und der Vergeudung von Rohstoffen beschäftigt hat, ist auch bei den Protestaktionen gegen den Bau der atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersburg dabei, sie berichtet über "Women for Peace" und engagiert sich gegen die Forderung, Frauen für den Wehrdienst zu verpflichten. Während sich Alice Schwarzer positiv für "Frauen ans Gewehr" ausspricht, zeigt sich Wisselinck entrüstet: "Es ist die äußerste Perfidie des Patriarchats, Frauen in ihre unmenschliche Tötungsmaschinerie, das Militär, einzuspannen".

1984 übersetzt sie Mary Dalys "Reine Lust" ins Deutsche, in dem es um die phallische Zerstörung und Entartung von Wünschen nach menschlichem Miteinander geht. In der Zwischenzeit sind die beiden Feministinnen befreundet und gehen auch miteinander auf Lesereisen. 1986 publiziert sie ihr Buch "Hexen", wofür sie viel Anerkennung, aber auch sehr viel Häme erntet. Letzteres zeige, so ist sie überzeugt, wie verdrängt die Geschichte der Hexenverfolgung und -ermordung noch immer werde.  Zwei Jahre später gibt sie ihren Sammelband "Jetzt wären wir dran" mit Aufsätzen aus 30 Jahren heraus und 1990 ihren ersten und einzigen Roman "Anna im Goldenen Tor". Die Zeit zwischen ihren Schreibarbeiten füllt sie unermüdlich als Vermittlerin feministischen Denkens, beispielsweise mit dem von ihr gegründeten Projekt "Frauenstudien München", und bei ihren unzähligen Vorträgen.

90er-Jahre: Rückzug auf Porto Santo
Obwohl sich Erika Wisselinck so wie selten eine Frau ihr Leben lang publizistisch für eine gerechtere Welt eingesetzt hat, wurde sie nur einmal ausgezeichnet: 1989 erhält sie den Münchner Frauenförderpreis als Anerkennung ihrer Leistungen als Schriftstellerin und Feministin. Im Juni 1993 übersiedelt sie ganz auf ihre Insel Porto Santo, wo sie sich an ihre dritte Daly-Übersetzung macht, die Autobiografie, die unter dem Titel "Auswärts reisen" erscheint. Sie lebt die letzten Jahre ihres Lebens relativ zurückgezogen (…) Erika Wisselinck stirbt am 4. Jänner 2001 in Funchal/Madeira und ist auf Porto Santo beerdigt.
(Dagmar Buchta)

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