Pressestimme zu ""Wir dachten alles neu""

Aus: Rhein Main Presse, 10.6.2010

Die "große Alte" des Feminismus

 

Der unerwartet 2001 verstorbenen Erika Wisselinck, der "deutschen Indira Gandhi des Feminismus", ist ein neues, im Rüsselsheimer Christel Göttert Verlag erschienenes Buch gewidmet, das klar strukturiert und umfassend das Leben dieser facettenreichen Frau schildert. Gabriele Meixner schrieb eine Biografie, die zunächst zäh anläuft, um sich dann mit zunehmender Reife der Erika Wisselinck selbst als ein spannendes Erzähldokument zu offenbaren.

Meixner gelingt es nach anfänglichen biografischen Holpereien, den Leser in die Gedankenwelt Wisselincks zu entführen. Wie beispielsweise in den Nachkriegsjahren Frauen immer mehr berufstätig wurden oder die Adenauer-Fünfziger, in denen viele unverheiratete Frauen (Frauenüberschuss) immer noch als "Fräulein" tituliert wurden und der Ehemann den Führerscheinerwerb seiner Frau verhindern konnte.

Erika Wisselinck, Jahrgang 1926, beobachtete genau und machte sich mit ihren Beiträgen im "Sonntagsblatt" oder der "Süddeutschen" früh einen Namen. Ihr Artikel "Jetzt wären wir dran – Die Dreißigjährigen von heute – aufgewachsen in einer großen Zeit" ist ein Meilenstein und bald werden immer mehr Artikel speziell für die weibliche Leserschaft gefordert. Sie packt die gesellschaftspolitischen heißen Eisen an und kritisiert in einem Essay "Beten – wofür?" das verstaubte Frauenbild und das Obrigkeitsdenken der evangelischen Kirche. Sie prangert offen den Hersteller des Mittels "Contergan" an und gibt den Betroffenen eine sensible Stimme und ein Forum, damit sie gehört und damit beachtet werden.

Als Studienleiterin der evangelischen Akademie in Tutzing leitet sie Frauentagungen wie zum Beispiel 1964 "Lebensformen der Frau heute" und sorgt damit für eine große Resonanz der neuen Frauenthemen. Ihre große und kräftige Erscheinung, ihr ansteckendes Lachen sowie ihre humorvolle Art, die Dinge zu sehen, lassen Erika Wisselinck zu einer Ausnahmeerscheinung der Frauenbewegung werden. Auf ihren Gedanken, Features, Hörfunksendungen, Essays, Ausführungen und Analysen konnte in den achtziger Jahren die Frauenbewegung weiter aufbauen. Wisselincks kongeniale Übersetzung des Werkes der amerikanischen Philosophin und Theologin Mary Daly "Gyn/Ökologie" 1981 ist ein Standardwerk des Feminismus.

Wisselinck wird in den Neunzigern die "weise Alte" der viel jüngeren Frauenbewegung und mischt aktiv mit. Ihr Buch "Frauen denken anders" wird ihr erfolgreichstes Buch.

Die Biografie Gabriele Meixners ist voll und ganz gelungen, weil sie die Inspiration einer Erika Wisselinck einfangen konnte. Lesenswert. (Nadja Salameh)

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