Pressestimme zu "Über die Liebe zum Gras an der Autobahn"

Aus: ab40, 2/2010

Claudia von Werlhof gehört zu den theoretisch am besten "gerüsteten" Patriarchatskritikerinnen der Gegenwart. Hier ist sie so streitbar und "sattelfest" wie eine Amazone, denn nur aus der Position des Matriarchates heraus lässt sich das Patriarchat kritisieren und überwinden.
Im Christel Göttert Verlag ist nun ihr Buch erschienen, eine Sammlung von Reden, Traktaten, Briefen und Aufsätzen. Sie repräsentieren ihr umfangreiches Gesamtwerk, das sich mit allen Bereichen des Lebens auf dieser Welt befasst. Sie schreibt über den Wissenschafts- und Bildungsbereich, atomare Bedrohung, totalitäre Politik, Krieg, insbesondere den Krieg gegen Frauen, falsche Ethik, Technik mit katastrophalen Konsequenzen, über die Beherrschung und Zerstörung der Natur bis hin zu den negativen Folgen der Globalisierung und den Tendenzen zur Patentierungen frei wachsender Pflanzen aus Profitgründen.
Nach der Lektüre ergibt sich ein klares Bild, wie all diese Bereiche vom Patriarchat bestimmt und geprägt worden sind. Seit es vor etwa 5000 Jahren mit Gewalt das Matriarchat beendet hat, kann das Patriarchat nachweislich nur deshalb überleben, weil durch Frauen und Mütter matriarchale Werte weiterhin gelebt werden – so recht und schlecht es eben geht.

Werlhofs scharfe Kritik, die einem Aufschrei gleichkommt, beschränkt sich nicht allein auf die Aufdeckung der zerstörerischen Mechanismen, sondern sie zeigt auch Möglichkeiten und Wege des Ausstiegs aus diesem (tödlichen) System. Dazu haben die Innsbrucker Professorin und ihre MitarbeiterInnen an der Universität weltweit echte Alternativen erforscht. Mit Zuversicht sprechen sie von einer neuen Zivilisation und wie sie entstehen könnte. Ausbaufähige Beispiele fanden sie in noch existierenden Matriarchaten und in einem Bereich der neuen Frauenbewegung, die das Politische und Spirituelle miteinander verbindet. Dass diese andere Zivilisation, die das "Gute Leben" bringt und lebt, nur bestehen kann, wenn Gesellschaft, Politik und Spiritualität zusammenwirken, gehört zu den Ergebnissen ihrer Forschungen.
Claudia von Werlhof entwirft eine neue, gesellschaftliche Ordnung, die nicht in Profitgier wurzelt, sondern in Lebensfreude, in der Liebe zu allem Lebendigen, in der Vielfalt und Fülle der Natur, in Ausgewogenheit, im Respekt gegenüber allen Lebensformen. Das Gefühl der Verbundenheit von allem Seienden im Großen wie im Kleinen, die Verantwortung für den Planeten und die Mitmenschen werden von allen, auch von Männern, in mütterlicher Weise gepflegt und getragen.

Wie diese neue Zivilisation verwirklicht werden kann, erfahren wir in ihrer ergreifenden Rede vor jungen StudentInnen während der Entstehung der zweiten Studentenbewegung. Claudia von Werlhof, die schon mehrere soziale Bewegungen mitgetragen hat, hilft den jungen Leuten ihre Ideen zu sortieren und ermuntert sie, ihre Leidenschaft zu leben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und die Wissenschaft so zu betreiben, dass sie dem Leben dient.
Ihre Erkenntnis der Verbundenheit mit allem Seienden, die so unerlässlich für die neue Zivilisation ist, stammt aus einer Beobachtung, die zur Vision wird und den Titel ihres Buches begründet:
Wie so oft ist die Autorin mit dem Auto unterwegs auf der Inntalautobahn. Inmitten des rasenden Verkehrs sieht sie Gräser am Straßenrand im Sonnenlicht glänzen. Im Vorbeifahren sieht und spürt sie ihr auffällig unauffälliges Dasein. Und es überkommt sie plötzlich eine übermächtige Liebe – zu den Gräsern an der Autobahn. Sie spürt diese Liebe im eigenen Leib, in der Aura um ihren Kopf, mit allen Fasern ihres Wesens.
"… und während ich noch erstaunt diesem Empfinden nachlausche, ist sie da: die Verbundenheit mit Allem, vom Grashalm bis zum Kosmos."
Ihre über die Jahre hinweg entstandenen Reden und Texte werden in dem Band durch Nachbemerkungen aktualisiert. Wir erfahren, was aus den verschiedenen Kämpfen und Aufklärungsbemühungen wurde, sie denkt manch Angefangenes zu Ende, stellt neue Fragen oder fasst zusammen, was andere ForscherInnen dazu dachten und wie sie vorgingen.
Zu Anfang sprach ich von der Autorin als einer Amazone, jetzt möchte ich sie auch eine Weise, eine Seherin nennen. Denn, wenn wir Fragen zum "Guten Leben" haben oder an der "Rettung der Welt" mitwirken wollen, dann sollten wir sie anhören. (Uschi Madeisky)

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