Pressestimme zu ""Wir dachten alles neu""

Aus: Ev. Frauen in Hessen und Nassau. Frauen Bildung Spiritualität. Sept. 2010

"Wir dachten alles neu" – mit diesem Zitat im Titel weckt Gabriele Meixner große Erwartungen an ihre Biografie über die Feministin Erika Wisselinck und ihre Zeit. Und sie werden beim Lesen erfüllt. Denn es ist der Autorin in brillanter Weise gelungen, ein differenziertes Bild der Publizistin Erika Wisselinck zu zeichnen, ihre Persönlichkeit zu erfassen, ihren Weg und ihre Entwicklung in Inspiration und Auseinandersetzung mit den Menschen, die sie liebte und schätzte, nachvollziehbar zu beschreiben und gleichzeitig kenntnisreich die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse und Bedingungen ihrer Zeit in Erinnerung zu rufen, von denen sich die Protagonistin als Feministin herausfordern ließ und die Welt ungeachtet patriarchalischer Festlegungen neu erdachte.

Das entscheidende Anliegen der Autorin ist, am Beispiel dieses Frauenlebens, das 1926 in Görlitz als Tochter des Berufsoffiziers und späteren Nazigenerals Ernst Wisselinck und der Lehrerin und angehenden Bibliothekarin Eva Roth in preußisch-protestantischer Prägung begann, den Anteil Erika Wisselincks am "überwältigenden Bewusstseinswandel der Frauen" – der Frauenbewegung als erfolgreichster politischen und sozialen Bewegung des 20. Jahrhunderts – zu dokumentieren. Zwischen den Zeilen blitzt immer mal wieder das Erstaunen der Autorin durch, dass weder das Umfeld Erika Wisselinks noch ihr äußeres, oftmals bieder anmutendes Erscheinungsbild ihre feministische Grundhaltung nahelegten.

Vielleicht ist es gerade dieses Erstaunen, das Gabriele Meixner als eine von Anfang an in der Neuen Frauenbewegung Engagierte motiviert, den Auftrag der Nachlassverwalterinnen von Erika Wisselinck anzunehmen, wenige Jahre nach deren Tod eine Biografie zu schreiben. Die Biografin sieht darin eine willkommene Möglichkeit, das freundschaftlich begonnene Gespräch mit Erika auf anderem Weg fortzusetzen. Dabei bringt die freie Autorin aus dem Nördlinger Ries, die bei ihren Forschungs- und Publikationsarbeiten zur Deutung urgeschichtlicher Kunst aus feministischer Perspektive gewonnene Kompetenzen mit, die ihr die hervorragende Verarbeitung des umfangreichen Materials möglich machen.

Mehr als 30.000 Dateien stehen der Biografin aus dem Nachlass zur Verfügung: Briefe an Eltern und Bruder aus dem Reichsarbeitsdienst, ihre Tagebücher ab 1944, Fotos, umfangreiche Briefwechsel aus späteren Lebensphasen, Manuskripte ihrer Zeitungsartikel, Hörfunksendungen, Vorträge, mehrere Buchpublikationen und über 80 Interviews, die Gabriele Meixner mit WeggefährtInnen und Mitstreiterinnen führen konnte.

Die Stärke dieser Biografie liegt in der lebendigen Darstellung dieses reichen Frauenlebens, dessen Kontext die Autorin auf gekonnte Weise einbezieht, um auszuleuchten, was und wer in welcher Zeit sinn- und kraftgebend für Erika Wisselinck war. Gleichzeitig schafft sie mit dieser Biografie aus der Perspektive einer Selbstbetroffenen ein Stück Erinnerungskultur der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Die Biografie erscheint im Todesjahr der Ikone des Feminismus, Mary Daly, deren feministische Grundlagenwerke Erika Wisselinck in den 80er-Jahren aus dem Amerikanischen "kongenial", wie die Linguistin Luise Pusch 20 Jahre später anerkennend feststellt, übersetzte und damit der deutschsprachigen Frauenbewegung zugängig machte. Dies verweist auf die weltweite Perspektive der Frauenbewegung, der sich Erika Wisselinck zugehörig fühlte: "Offenbar war ich schon immer Feministin, ich kann mich nicht erinnern, es eines Tages geworden zu sein."

Für mich als Feministische Religionspädagogin in der Evangelischen Frauenbildungsarbeit – 1960 geboren und erst seit 10 Jahren identifiziert in Feministischen Theoriediskursen unterwegs – war besonders interessant und vor allem neu, zu erfahren, dass und wie Erika Wisselinck ihrer Zeit weit voraus die Evangelische Akademiearbeit im Nachkriegsdeutschland als politische Demokratisierungsmaßnahme mit begründet und aufgebaut hat und wie sie ihr journalistisches Knowhow und ihr feministisches Aufklärungsanliegen, das studiert, aber nicht universitär abgeschlossen und deshalb keiner wissenschaftlichen Disziplin verpflichtet war, in diese Bildungsarbeit und später in die der Volkshochschulen und Frauenprojekte und dann auch in ihr politisches Amt als Kreisrätin für München-Land einbringen konnte.

Ebenfalls neu für mich war ihre Redaktionsarbeit zwischen 1974 und 1980 für die Monatsschrift "Korrespondenz die frau" (ein kostenloser Pressedienst, herausgegeben von der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland und dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik), die ihre Biografin als ein "Kompendium der feministischen Diskussionen und Aktionen, auch heute noch eine Fundgrube" bezeichnet und darauf hinweist, dass die Nullnummer bereits 1973 erschien: zwei Jahre vor Courage und drei Jahre vor EMMA.

Ihre Unabhängigkeit im Denken – die auch viele Männer zu schätzen wussten – hat sie sich ihr Leben lang erhalten können, indem sie sich immer im entscheidenden Moment in neue Entfaltungs- und offene Denkräume "hineingerettet" hat. Denn wenn sie spürte, korrumpiert zu werden, hat sie sowohl ihre festen Arbeitsplätze als auch ihre persönlichen Beziehungen konsequent verlassen. So konnte sie, kreativ experimentierend und immer in Frauennetzwerken diskutierend, ihr Wissen, ihre Weisheit und ihre Ideen in dieser Freiheit mit anderen Denkerinnen weiterbewegen und publizieren.

Der 1990 erschienene Roman "Anna im Goldenen Tor", 2008 als Neuauflage im Christel Göttert Verlag herausgegeben, war meine erste Begegnung mit Erika Wisselinck. Über das Nachwort von Gabriele Meixner zu seiner Entstehung und jetzt die Biografie verstehe ich annähernd diese mutige "Gegenlegende über die Mutter der Maria" als Kondensat ihrer feministisch-spirituellen Entwicklung.

Im Frühjahr 2010 machte mich Christel Göttert auf Wisselincks im Verlag Frauenoffensive 1986 (im Tschernobyljahr) aufgelegtes Buch "Hexen. Warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist – Analyse einer Verdrängung" aufmerksam. Anlass war mein Besuch der Ausstellung "Hexen. Mythos und Wirklichkeit" im Historischen Museum in Speyer, der in mir ein diffuses Unbehagen zurückgelassen hatte. Denn die InitiatorInnen dieser Ausstellung schienen mir peinlich darum bemüht, einer "Vereinnahmung des Hexenthemas durch Feministinnen" entgegenzuwirken und heute mit aktuellen Zahlen der Opfer und ihrer Geschlechtszugehörigkeit die Feministische Analyse der 80er-Jahre widerlegen zu wollen, dass die Hexenverfolgung auch im Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis im Patriarchat zu sehen sei. Obwohl das Thema "sexualisierte Gewalt" präsent war – allein durch den scharf in der Luft liegenden Satz "Fass mich nicht an" einer weiblichen Skulptur im Eingangsbereich, der immer dann zu hören war, wenn sich BesucherInnen dieser Skulptur zu sehr näherten –, ist es in der Ausstellung selbst nicht thematisiert worden. Mir fehlte eine differenzierte Wahrnehmung der wissenschaftlich-feministischen Arbeiten, die dazu veröffentlicht wurden, u.a. das Buch von Erika Wisselinck.

In dem letzten Gespräch mit Gabriele Meixner im Jahr 2000 betonte Erika Wisselinck: "Der

feministische Ansatz ist wichtiger denn je, weil die Brutalität gegen Frauen zunimmt, weil die subtile Gewalt und die Frauenverachtung im Wachsen begriffen sind."

Wisselincks Anliegen war es, die Denkbewegungen des Feminismus nicht abreißen zu lassen. "Wir dachten alles neu" ist für meine Selbstverortung als Feministin in diesen Bewegungen ein Gewinn.

Schade, dass ich das viel erwähnte Lachen von Erika Wisselinck nie werde hören können. Aber ich weiß davon, dass zu allen Zeiten viele andere Frauen auch, wie z.B. die biblische Sarah, dieses ansteckende Lachen haben, das von dem tiefen Wissen herrührt, dass die Welt nicht bleiben muss, wie sie ist, und alles auch neu gedacht werden kann.

(Kristin Flach-Köhler, Referentin im Verband "Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V.")

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