Pressestimme zu "Wo wilde Weiber wohnen"

Aus: Virginia, Oktober 2010

Frauengeschichten aus dem Odenwald

 

Was macht historische Ereignisse relevant? Dass es der Frauengeschichtsforschung nicht nur darum geht, vermeintlich "vergessene" Frauen auszugraben und so quasi die Lücken aufzufüllen, die die männerzentrierte Wissenschaft hinterlassen hat, zeigt ein neues Buch über Frauengeschichte im Odenwald. Der von Barbara Linnenbrügger herausgegebene Band "Wo wilde Weiber wohnen" ist kein klassisches Geschichtsbuch, nur dass eben statt Männern Frauen drin vorkommen, sondern er dokumentiert gleichzeitig eine andere Herangehensweise: Nicht vermeintliche Objektivität wird hier behauptet (obwohl durchaus sorgfältig Quellen belegt sind), sondern ganz bewusst das subjektive Interesse der Forscherinnen sichtbar gemacht und ins Zentrum gestellt.

Hervorgegangen ist das Buch aus einer Reihe von Geschichtswerkstätten, bei denen sich Odenwälderinnen auf die Spurensuche begeben haben. Was wissen wir über Frauen, die im Odenwald lebten? Wie war ihr Lebensalltag? Wie haben sie sich fortbewegt? Dabei forschten sie experimentell und mit sehr unterschiedlichen Methoden: von der traditionellen Quellenforschung über Interviews bis hin zu künstlerischen Annäherungen. Ihre Ergebnisse präsentierten sie in Vorträgen, Theaterszenen und jetzt eben auch als Buch. Auch die Textformen variieren, von der sachlichen Biografie bis zum fiktiven Gespräch. Manche der vorgestellten Frauen sind überregional bedeutend gewesen, etwa die erste deutsche Fallschirmspringerin Käte Paulus oder die Dichterin Helmina von Chézy. Ein ganzes Kapitel ist adligen Frauen gewidmet, aber die Geschichten über das Alltagsleben, etwa von Hebammen oder Zigarrendreherinnen, überwiegen.

Speziell empfehlenswert ist das Buch natürlich für alle, die im Odenwald zu Hause sind. Andere könnten vielleicht inspiriert sein, in der landschaftlich reizvollen Region einmal ihren Urlaub zu verbringen – es wäre jedenfalls ein exzellent informierter Urlaub. Sie sollten dann in jedem Fall auch zu den "Wildweibersteinen" wandern, einer Granitfels-Formation. In einer Höhle darunter sollen in früheren Jahrhunderten jene "wilden Weiber" gelebt haben, die dem Buch seinen Titel gaben.
(Antje Schrupp)

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