Pressestimme zu ""Wir dachten alles neu""

Aus: Schlangenbrut, Nov. 2010

Der Autorin ist es in brillanter Weise gelungen, ein differenziertes Bild der Publizistin Erika Wisselinck zu zeichnen, ihre Persönlichkeit zu erfassen, ihren Weg und ihre Entwicklung in Inspiration und Auseinandersetzung mit anderen nachvollziehbar zu beschreiben und gleichzeitig kenntnisreich die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse und Bedingungen ihrer Zeit in Erinnerung zu rufen, von denen sich die Protagonistin als Feministin herausfordern ließ und die Welt ungeachtet patriarchalischer Festlegungen neu erdachte. Die Stärke dieser Biografie liegt in der lebendigen Darstellung dieses reichen Frauenlebens, das 1926 in Görlitz begann. Mehr als 30.000 Dateien standen der Biografin aus dem Nachlass zur Verfügung: Briefe, Tagebücher, Fotos, Manuskripte ihrer Zeitungsartikel, Hörfunksendungen, Vorträge, mehrere Buchpublikationen und über 80 Interviews, die Gabriele Meixner mit WeggefährtInnen und Mitstreiterinnen führen konnte. Mit ihnen dokumentiert sie den Anteil Erika Wisselincks am "überwältigenden Bewusstseinswandel der Frauen" und schuf ein Stück Erinnerungskultur der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Die Biografie erschien im Todesjahr der Ikone des Feminismus, Mary Daly, deren feministische Grundlagenwerke Erika Wisselinck in den 80er-Jahren aus dem Amerikanischen "kongenial", wie die Linguistin Luise Pusch 20 Jahre später anerkennend feststellt, übersetzte und damit der deutschsprachigen Frauenbewegung zugängig machte. Für mich als Feministische Religionspädagogin in der Evangelischen Frauenbildungsarbeit war besonders interessant zu erfahren, dass und wie Erika Wisselinck ihrer Zeit weit voraus die Evangelische Akademiearbeit im Nachkriegsdeutschland als politische Demokratisierungsmaßnahme mit begründet und aufgebaut hat und wie sie ihr journalistisches Know-how und ihr feministisches Aufklärungsanliegen in diese Bildungsarbeit und später in die der Volkshochschulen und Frauenprojekte und dann auch in ihr politisches Amt als Kreisrätin für München-Land einbringen konnte. Ebenfalls neu für mich war ihre Redaktionsarbeit zwischen 1974 und 1980 für die Monatsschrift "Korrespondenz die frau" (ein kostenloser Pressedienst, herausgegeben von der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland und dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik), die ihre Biografin als ein "Kompendium der feministischen Diskussionen und Aktionen, auch heute noch eine Fundgrube" bezeichnet.

Der 1990 erschienene Roman "Anna im Goldenen Tor" war 2008 als Neuauflage meine erste Begegnung mit Erika Wisselinck. Über das Nachwort von Gabriele Meixner zu seiner Entstehung und jetzt die Biografie verstehe ich annähernd diese mutige "Gegenlegende über die Mutter der Maria" als Kondensat ihrer feministisch-spirituellen Entwicklung.

Wisselincks Anliegen war es, die Denkbewegungen des Feminismus nicht abreißen zu lassen. Für meine Selbstverortung als Feministin in diesen Bewegungen ist "Wir dachten alles neu" ein Gewinn.
(Kristin Flach-Köhler)

« Pressestimmen zu ""Wir dachten alles neu""

« zur Übersicht der Pressestimmen