Pressestimme zu ""Wir dachten alles neu""

Aus: Geschichte quer, Heft 15, 2010

Wenn HistorikerInnen sich mit der Neuen Frauenbewegung aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auseinandersetzen, gilt es herauszufinden, ob es wirklich die eine Frauenbewegung gab oder ob es nicht eher viele Frauen an vielen Orten waren, die etwas in Bewegung gebracht haben. Eine dieser Frauen war Erika Wisselinck und sicherlich war sie nicht nur Teil der neuen Frauenbewegung, sondern vor allem eine ihrer Vordenkerinnen und Mütter. Bereits in den sechziger Jahren hat sie innovative und anstößige Gedanken zur Geschlechtergerechtigkeit formuliert – die damals allerdings noch nicht so genannt wurde. Spannend ist auch der Aspekt, dass die 1926 geborene Publizistin genau in jener Zeit, in der es noch keine Frauenbewegung gab, eine von den Akademien und Verlagen umworbene Autorin war, die wohlwollend von den Männern gefördert wurde. Gegenwind, und davon nicht zu wenig, bekam sie erst, als die Frauen sich formierten und wirklich daran gingen, die Gesellschaft zu verändern.
Das alles und viel mehr erfährt die Leserin in der sehr gründlich recherchierten und unprätentiös geschriebenen Biografie von Gabriele Meixner: wie Erika Wisselinck als Vatertochter heranwuchs und unter der geistigen Ödnis des Nationalsozialismus litt; wie sie später als Journalistin die nationalsozialistischen Verbrechen beim Namen nannte, wie sie Artikel mit provozierenden Themen unter Pseudonym schrieb, weil "ein Beitrag von Brisanz nur ernst genommen wird, wenn er von einem – vorgeblich – männlichen Autor stammt"; wie sie unter dem Motto "Die alte Jungfer ist ausgestorben" auf eine Lebensform hinwies, die erst Jahrzehnte später allgemein anerkannt werden sollte; wie sie im "Notizbuch" des Bayerischen Rundfunks Hörfunkgeschichte schrieb und 1972 im Landkreis München für die SPD als Landrätin kandidierte; wie sie ein – für sie frustierendes – Gastspiel bei der "Emma" gab; wie nach äußerst erfolgreichen Frauentagungen ihr Vertrag an der evangelischen Akademie in Tutzing nicht verlängert wurde; wie sie die Feministische Theologie entdeckte, Mary Daly übersetzte und vor mehr als 20 Jahren zu den Gründerinnen der Bildungseinrichtung "Frauenstudien München" gehörte; wie sie schließlich in der autonomen Frauenbewegung ihre Heimat fand und sich in ihrer letzten Lebensphase, obwohl früher durchaus für Männerbeziehungen aufgeschlossen, eine "nicht praktizierende Lesbe" nannte. Die Autorin Gabriele Meixner, selbst eine – 20 Jahre jüngere – Protagonistin der Neuen Frauenbewegung, zeichnet ein reiches, überaus aktives Frauenleben nach, das daran erinnert, auf wessen Schultern die Fortschritte vorangetragen wurden. (Juliane Brumberg)

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