Pressestimme zu "Erzähl mir Labyrinth"

Aus: P.S., Zürich, 13.10.2011

Im Labyrinth des Lebens verwurzelt

Damals dachten sie, dass sie ihr Labyrinth im Zeughaushof in Zürich bloss für den Sommer 1991 anpflanzten; jetzt blicken die Labyrinth-Frauen auf 20 Jahre Labyrinthplatz zurück. Wie ein kleiner Platz mitten im Kreis 4 zur Attraktion erblühen konnte, die weit übers Quartier hinaus ausstrahlt, erklären zwei Labyrinthfrauen, Ursula Knecht und Regula Farner, im Besprach mit Nicole Soland.

P.S.: Zum 20. Geburtstag des Labyrinthplatzes Zürich haben Sie ein schönes Buch voller Geschichten rund ums Labyrinth herausgegeben. Doch wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, ausgerechnet ein Labyrinth anzupflanzen, und das erst noch mitten in Zürich?
Ursula Knecht: In den 1980er-Jahren trafen sich Frauen aus der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, der alternativen Kunst- und Kulturszene. So auch die Künstlerin Agnes Barmettler, die in der Anti-AKW-Bewegung aktiv war, und Rosmarie Schmid, Mitbegründerin der "Frauen für den Frieden". Rosmarie stiess durch ihre Matriarchatsforschung, Agnes in der Kunst und bei ihren Reisen zu den Hopi auf das Labyrinth. Gemeinsam mit Freundinnen setzten sie sich mit diesem Symbol auseinander, was allerdings gar nicht so einfach war.
P.S.: Weshalb?
Ursula Knecht: Weil es damals kaum Material zur Kulturgeschichte des Labyrinths gab. Mit Labyrinth wurde Irrgang assoziiert. Ein Labyrinth ist aber kein Irrweg. Im Labyrinth führt ein einziger Weg pendelnd zwar und in Wendungen, aber ohne Sackgassen zur Mitte und wieder hinaus. So begannen wir, Labyrinthe zu zeichnen, in Schnee zu stapfen, mit unterschiedlichen Materialien auf einer Wiese auszulegen, mit Behinderten zu erkunden, mit Kindern zu erforschen, als Kunst-Installation zu erleben, sie in all ihren Facetten zu ergründen.
P.S.: Was fasziniert Sie an Labyrinthen?
Beide: Das Labyrinth als Symbol des Werdens und Vergehens spricht uns Frauen an, hat mit uns und unserem Leben zu tun, etwa Umwege in Kauf nehmen, statt auf der Zielgeraden andere(s) auszublenden und zu übergehen oder: Alles aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. So entstand der Wunsch, in der Öffentlichkeit ein begehbares Labyrinth zu gestalten, dieses als Symbol für Leben und Zusammenleben allen zur Verfügung zu stellen.
P.S.: Eine Idee, die wohl bei den Frauen eher auf Zustimmung stösst denn bei den Männern?
Regula Famer: Wir wollten einen Ort der Begegnung schaffen, einen Ort auch, an dem wir aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufgreifen und diskutieren. Natürlich war für uns ein Thema, dass die Erfahrungen von Frauen in der Öffentlichkeit noch zu wenig Raum haben.
Ursula Knecht: Wir wollten die Erfahrungen der Frauen für die Welt und für ein gutes Zusammenleben fruchtbar machen; wir verfolgen einen positiven, nicht gegen Männer gerichteten Ansatz. Männer sind im Labyrinth willkommen.
P.S.: Von der Idee bis zur Ausführung durfte es trotzdem noch ein langer Weg gewesen sein …
Ursula Knecht: 1988 gab es im Hinblick auf die Feierlichkeiten zum 700. Geburtstag der Eidgenossenschaft 1991 einen kantonalen Wettbewerb "Zürich morgen"; dort reichten wir die Idee eines Labyrinthplatzes ein. Zuvor führten wir Gespräche im Zusammenhang mit dem Boykott der Kulturschaffenden als Reaktion auf den Fichenskandal. Wir erkundigten uns bei Frauen aus dieser Szene, ob sie es als "in den Rücken fallen" einpfänden wenn wir beim Wettbewerb mitmachten. Doch sie hatten kein Problem damit: Sie ermunterten uns und fanden, es sei Zeit, dass die Eidgenossinnen in der Öffentlichkeit sichtbarer werden. Es braucht nicht nur Fussballplätze und Schiessplätze, Bibliotheken und Schwimmbäder, sondern auch Labyrinthplätze als öffentliche Orte.
P.S.: Ihr Projekt wurde ausgewählt, Sie bekamen Geld vom Kanton – aber ein Platz war im Wettbewerbsgewinn ja kaum inbegriffen: Wieso steht das Labyrinth heute im Zeughaushof?
Regula Farner: Die Stadt musste uns einen Platz zur Verfügung stellen und machte uns Vorschläge. Wir wünschten uns einen Ort etwas abseits vom Strassenlärm, aber nicht zu weit draussen am Stadtrand. Der Helvetiaplatz war im Gespräch, auch ein Stück Land am See, aber wir wollten die Leute ja nicht vom "plägere" am See vertreiben oder die Marktfahrenden am Helvetiaplatz stören. Als das Kasernenareal genannt wurde, gefiel das vielen von uns.
P.S.: Aber nicht allen?
Ursula Knecht: Nein, einige Frauen fanden es daneben, auf ehemaligem Militärgelände einen Labyrinthplatz zu bauen. Andere meinten, es sei genau richtig, das Labyrinth hier zu platzieren.
P.S.: Und wie überlebte das Labyrinth die 7OO-Jahr-Feier?
Ursula Knecht: Die Bevölkerung reagierte positiv auf den Labyrinthplatz und es gelang, in den Folgejahren eine Nutzungsbewilligung von der Stadt zu erhalten. 1998 wurden wir in die von der damaligen Sozialvorsteherin Monika Stocker neu geschaffene Soziokultur integriert. Als soziokulturelles Projekt erhalten wir finanzielle Unterstützung, um die verantwortlichen Gärtnerinnen und ihre Präsenz im Labyrinth bescheiden zu honorieren und um Künstlerinnen, die bei den Veranstaltungen mitwirken, zu entschädigen. Der überwiegende Teil des Engagements fürs Labyrinth ist freiwillige, das heisst geschenkte Arbeit.
P.S.: Im Jubiläumsbuch kommt vom Umgang mit Hahnenfuss und vom Minotaurus und dem roten Faden über die unterdessen vertriebenen Alkis von nebenan und das Labyrinthplatz-Brauchtum bis zur Auffassung des öffentlichen Frauenplatzes als politisches Versprechen so ziemlich alles vor: Warum haben Sie sich nicht auf weniger Themen konzentriert?
Ursula Knecht: Weil es nicht anders geht. Diese Vielfalt, die Fülle – sie sind das Labyrinth. Es gibt Menschen, die hier ein paar Blumen oder Kräuter ziehen wollen, es gibt jene, die hier meditieren oder picknicken, jene, die vor allem die Gemeinschaft suchen oder zu den Veranstaltungen kommen, und so weiter …
Regula Farner: … wobei ich häufig beobachte, dass sich die Leute im ersten Jahr nur um ihr kleines Stückchen Erde kümmern. Bereits ab dem zweiten Jahr drehen sie vermehrt Runden im Labyrinth, betrachten das, was die anderen gesät und gepflanzt haben, helfen beim Jäten oder Aufbinden und werden so nach und nach ein Teil des Ganzen, wie ihr Stückchen Land ein Teil des ganzen Labyrinthes ist.
Ursula Knecht: Und übrigens: Frauen pflanzen Blumen und Kräuter, und oft kommen sie mit Samen daher, weil diese billiger sind als Setzlinge – aber kreuzt ein Mann auf, möchte er einen Baum pflanzen: Auch im Labyrinth geht es zu und her wie im richtigen Leben … (lacht).

P.S.: Aber die Alkis von nebenan gehörten doch auch zum richtigen Leben – und wurden trotzdem vertrieben.
Ursula Knecht: Ja, aber gegen unseren Willen. Wir waren stets in Kontakt mit ihnen, vor allem Regula …
Regula Farner: … ich habe ab und zu meine Gitarre mitgenommen und mich zu ihnen gesetzt. Viele kannte ich mit Namen. Einmal organisierten wir gemeinsam ein Alki-Pop-Konzert.
Ursula Knecht: Wir haben sie gebeten, ihre Bierflaschen nicht ins Labyrinth hineinzunehmen, und das haben sie akzeptiert. Und zwar nicht, weil wir mit Repression drohten oder mit Vergünstigungen lockten, sondern weil wir klar sagten, warum es uns stört, also unsere Gefühle zeigten. Natürlich waren sie laut, und wir haben von ihnen mehr Ruhe gefordert und auch, dass sie ihren Müll wegräumen, aber wir mussten ihretwegen keine einzige Veranstaltung absagen. Als die Stadt im Spätsommer 2009 die Wiese sanieren und die Feuerstelle zurückbauen wollte, zerstörte ein früher Herbstfrost die Rasenkeimlinge. Es musste neu angesät werden, und die Wiese blieb den Winter über abgesperrt. Erst zum 1. Mai 2010 war sie wieder betretbar. Die Alkis hatten sich inzwischen neue Nischen gesucht. Jetzt treffen wir vermehrt Junkies und Dealer an.
P.S.: Dann hat der kürzlich pensionierte "Mister Langstrasse" Rolf Vieli übertrieben, der befand, die Alkis vergraulten die Quartierbevölkerung, und wegen ihrer Feuerstelle habe mehrmals die Feuerwehr ausrücken müssen?
Ursula Knecht: Quartierbewohnerinnen, die sich beklagten, sie trauten sich wegen der Alkis nicht in den Zeughaushof, habe ich hier nicht angetroffen, seit die Alkis weg sind. Hingegen haben wir in früheren Jahren beobachtet, dass Leute aus dem Quartier die günstige Gelegenheit ergriffen, ihr Sperrgut in der Feuerstelle der Alkis zu entsorgen und so Gebühren zu sparen … natürlich wurden immer die Alkis beschuldigt, wenn der Rauch die Quartierbewohnerinnen belästigte.
Regula Farner: Wir hätten die Albis jedenfalls wieder willkommen geheissen, und wir wünschen uns, dass der Zeughaushof vielfältig genutzt und belebt wird. Es ist ein spannendes Biotop mit dem Ambulatorium, dem FeMale Funk Project, dem Restaurant, dem Recycling, dem Kunstraum, der Werkstatt Holz&Korb, der Sommergarten-Beiz …
P.S.: Haben Sie keine Angst, dass das auch ohne Alkis bald vorbei ist? Immerhin haben die Zürcher Stimmberechtigten am 4. September Ja gesagt zum Polizei- und Justizzentrum auf dem Güterbahnhofareal, womit das Kasernenareal frei wird, was allerhand Begehrlichkeiten weckt.
Beide: Ach, das sind wir gewohnt … Alle paar Jahre tauchen irgendwelche grossen Ideen auf und verschwinden wieder in der Schublade. Martin Heller hatten wir ins ATAZ (Austauschgremium Zeughaushof) eingeladen. Bis jetzt wurden wir nicht nach unseren Erfahrungen und Vorstellungen befragt, obschon wir seit 20 Jahren hier sind. Gut möglich, dass wir uns aber zu gegebener Zeit einmischen.
Regula Farner: Was wir hier brauchen, ist etwas Nachhaltiges für die Quartierbevölkerung. Etwas, was allen dient; nichts Kommerzielles. Etwas für Familien und Kinder fände ich gut; wir haben hier im Hof gemeinsam mit Quartierkoordination und Spielanimation Kreis 4 Kinderfestivals organisiert. Die sind zwar jeweils ein Erfolg, aber nicht nachhaltig – die Leute kommen nur zum Fest.
P.S.: Vielleicht ändert das ja mit dem Asphaltkino? …
Regula Famer: Das hoffe ich, denn so ist es gedacht. Wenn Kinder und Jugendliche mitgestalten dürfen, dann kehren sie auch hierhin zurück –  und sei es nur, um der zu Besuch weilenden Gotte oder dem Grossvater zu zeigen, wo sie selber Hand angelegt haben …

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