Pressestimme zu "The BiG SiN - Die Lust zum Sündigen"

Aus: Virginia, März 2012

In Heft Nr. 1 der "Virginia" vom Frühjahr 1986 widmete sich die Matriarchatsforscherin Gerda Weiler ausführlich dem Buch "Reine Lust" der US-amerikanischen Theologin und Philosophin Mary Daly. Sie bescheinigte den Gedanken der heftig umstrittenen Radikal­feministin eine wichtige politische Dimension und sprach von "Quantensprüngen des Bewusstseins". Im zweiten Heft der Zeitschrift setzte sich die Linguistin Luise Pusch sehr kritisch mit Dalys manchmal nervender Sprachakrobatik und der kongenialen (und doch oft unmöglichen) Übersetzung durch Erika Wisselinck auseinander. Ein Vierteljahrhundert später ermöglicht das Buch "The BiG SiN" auch jüngeren Leserinnen, die die bewegten Zeiten nicht selbst erlebt haben, einen Einblick in Leben, Werk und Wirkungsgeschichte der 2010 verstorbenen Pionierin.
Eveline Ratzel schrieb 1987 ihre Diplomarbeit in Soziologie über Mary Daly und deren Buch "Reine Lust". Diese Arbeit bildet den umfangreichsten Beitrag von "The BiG SiN". Mary Daly geißelt männliche Perversionen (wie die Entwicklung der Atombombe) und die Mit­täterschaft männeridentifizierter Frauen. Sie untersucht die für Frauen schädliche Verfälschung von Mythen. Die Entfremdung von Frauen im Patriarchat bezeichnet Daly als Plastik- und Bonsaiwelt. Die übrigen Beiträge des Buches sind eine bunte Mischung aus Nachrufen, persönlichen Erinnerungen, Kurzbiografien und Interviews verschiedener deutschsprachiger und US-amerikanischer Freundinnen und Wegbegleiterinnen dieser ungewöhnlich charismatischen Persönlichkeit.
"Wenn Gott männlich ist, muss … das Männliche Gott sein." Dalys Kritik an patriarchalen Gottesbildern kam früh. 1928 als Kind irisch-katholischer Eltern geboren, studiert sie Theologie, promoviert in den USA 1953 in Religionswissenschaften und 1963 in Fribourg in der Schweiz in Theologie mit einer Arbeit über Thomas von Aquin. Insgesamt erwirbt sie sechs Abschlüsse und drei Doktorinnengrade. Ab 1966 lehrt sie am Boston College, einer jesui­tischen Institution. Ihr erstes Buch (deutsch "Kirche, Frau und Sexus") verursacht ihre Entlassung. Aber die Proteste der damals ausschließlich männlichen Studenten zwingen das College, sie fest anzustellen. Als 1970 endlich Frauen zugelassen werden, besteht sie bis zu ihrer Zwangspensionierung auf rein weiblichen Klassen.
In "Jenseits von Gottvater, Sohn & Co" (deutsch 1980) entwirft Daly ein nicht-personales Gottesbild: Gott als aktives, intransitives Verb, "Be-ing = Sei-en". "Gyn-Ökologie" (deutsch 1981) prangert weltweite Gräuel an Frauen an, "Sado-Ritual-Syndrome" der "Phallokratie" wie das chinesische Fußeinbinden oder die Klitorisbeschneidung und moderne Irrwege der Gynäkologie. "Reine Lust" erscheint 1986, "Auswärts reisen", eine philosophische Autobiografie, 2002 auf Deutsch. Diese vier Bücher wurden von Erika Wisselinck übersetzt.
Von Dalys letzten beiden Büchern gibt es (noch?) keine deutsche Übersetzung. Über "Quintessence" (1998) erfahren wir einiges in dem ausführlichen zweisprachigen Interview, das Susan Bridle vom Magazin "What is Enlightenment?" 1999 mit Mary Daly geführt hat. Diese bezeichnet sich darin als Piratin, die Gestohlenes für die Frauen zurückholt. Den Begriff Spiritualität lehnt sie ab, weil er zu sehr Körper und Geist spalte. Ihre Freundin Nelle Morton habe ihr die Vorstellung von Gott als Verb (be-ing) nahegebracht. Dieser Gedanke erkärt auch den Titel "The BiG SiN". Nach Mary Daly kommt "sündigen" etymologisch von "to sin", was die Bedeutung von SEIN hat – als die Sünde des SEI-ENS.
Dalys Utopie von einer weitgehend männerfreien Gesellschaft ("a drastic reduction of the population of males") hat ihr wütende Proteste eingebracht. Auch Rassismus wurde ihr u. a. von Audre Lorde vorgeworfen.
Bleibt am Ende die Frage nach dem Stellenwert Dalys in einer Zeit, da die Flamme des Feminismus einer "political correctness" gewichen ist. Werden ihre Werke, wie Ratzel hofft, weiterhin Frauen ermutigen, lustvoll und furchtlos für ihre Sache zu kämpfen? Dass Dalys politische Dimension auch heute erkannt wird, lässt ein 2007 erschienener Titel der amerikanischen Theologin Caryn D. Riswold erahnen: "Two Reformers. Martin Luther an Mary Daly as Political Theologians."
Ich persönlich halte ihr befreiendes, dynamisches, nicht-personales Gottesbild für ihr Hauptverdienst. Oder, um es mit den Worten von Mary Hunt auszudrücken: "Im Herzen war sie eine Mystikerin".

(Christa Mathies)

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