Pressestimme zu "Die Töchter der sieben Hütten"

Aus: www.unesco.diplo.de (Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland der UNESCO), März 2012

(http://www.unesco.diplo.de/Vertretung/unesco/de/07_20Aktuelles_20und_20Sonstiges/2012-Frauentag.html)

Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag in der UNESCO – 8. und 9. März 2012

Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland war mit zwei Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag beteiligt, denn Gender issues sind einer der beiden mid-term strategischen Schwerpunkte der UNESCO.

Am Donnerstag, 8. März 2012 eröffnete die Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokova, gemeinsam mit der deutschen Botschafterin bei der UNESCO, Martina Nibbeling-Wrießnig, im UNESCO Hauptgebäude eine Fotoausstellung internationaler Künstler. Deutschland war mit offiziellen Beiträgen durch die deutsche Künstlerin Prinzessin Beatriz von Hohenlohe und die Dokumentarfilmerin Uschi Madeisky vertreten ...

Matriarchale Gesellschaften" beim Internationalen Frauentag 2012 (Bericht von Dagmar Margotsdotter-Fricke, UNNA-Stiftung) :

Die UNESCO widmet ihre Ausstellung zum Internationalen Frauentag den matriarchalen Gesellschaften

Die Filmemacherin Uschi Madeisky und die Autorin Dagmar Margotsdotter-Fricke, beide seit Jahren zu matriarchalen Themen forschend, waren nach Paris eingeladen zur 10-tägigen Ausstellung "Matriachal Societies" der UNESCO und nahmen am 8. und 9. März 2012 an den Eröffnungsveranstaltungen teil.

Das Wetter in Paris war dem "International Women`s Day" angemessen: frisch und sonnig. Der für Paris so typische Wind ließ die kunterbunten Fahnen der Länder dieser Welt, die hier vertreten sind, sanft schwingen, als wir – Prinzessin Béatriz Von Hohenlohe, ihre Tochter Manuela, Uschi Madeisky und ich – aus dem Taxi stiegen. Das also war der Hauptsitz der UNESCO, ein freizügig wirkendes, lichtes Gebäude aus den sechziger Jahren. Wenn nicht die Sicherheitsvorkehrungen gewesen wären, hätte der Komplex für eine Universität gehalten werden können. Allerdings fehlten dafür Graffitis, bunte Anschlagzettel, Parolen und andere Formen des politischen Ausdrucks. Alles war sauber und ordentlich.

Nachdem uns die Glastüren eingelassen hatten, entdeckten wir auch schon einen Teil der Ausstellung: Fotos aus heutigen matriarchalen Gesellschaften, fotografiert von Prinzessin Béatriz. Eine Texttafel erklärte:

"Die Prinzessin ist im Schloss von Rothenhaus in Böhmen geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit in England, Frankreich und Spanien, wo sie heiratete und drei Kinder zur Welt brachte. Zwanzig Jahre lang ist sie um die Welt gereist, um Frauen, Kinder und Männer zu fotografieren, die in matriarchalen Gesellschaften leben. Das erste Mal war sie in Imilchil in Marokko darüber gestolpert, dass hier Frauen ihre Ehemänner nach eigenem Gutdünken aussuchen, die Familienfinanzen regeln, selbst eine Scheidung durchsetzen können und die wichtigsten Entscheidungen in ihrer Gemeinde treffen. Seitdem ist sie fasziniert dabei, matriarchale Sitten und Bräuche rund um die Welt zu entdecken. Prinzessin Beatriz ist davon überzeugt, dass alle matriarchalen Gemeinschaften einen gemeinsamen Nenner haben: Harmonie und Ordnung. Keine Kriege. Mit ihren Fotos gelingt es ihr, die Stärke dieser Frauen zu zeigen, welche stolz darum kämpfen, ihre Familie, ihr Volk und ihre Menschlichkeit schützen."

Es folgten Stellwand auf Stellwand mit großen Momentaufnahmen, in denen sich der Stolz, der Freigeist und das Selbstbewusstsein dieser Frauen zeigen. Sie kennen keine patriarchale Unterdrückung, sondern nur Schutz und Unterstützung durch ihren Clan und ihre Gemeinschaften.  Die Prinzessin beweist mit diesen Portraits ihr sicheres Auge für die stolze Sinnlichkeit matriarchal lebender Frauen, welche ihr ganzes Wesen so schön macht. Sie selbst, Prinzessin Béatriz, scheint in ihrem Gesichtsausdruck geradezu nur aus ihrem Blick, ihrem Schauen zu bestehen: Übergroße blaue Augen lassen sie wie eine Fragende und Fühlende wirken, die auf sehende Weise die innere Wahrheit einer Person erkennt. Sie kann nicht schreiben, sagt sie über sich selbst, dabei würde sie gern, doch dass sie mehr sehen, als so manch andere (be-)schreiben kann, davon zeugen ihre Bilder.

Zwischen den hohen Ausstellungswänden stand ein großer Bildschirm, in dem der Film "Daughters of the Seven Huts" von Uschi Madeisky und Klaus Werner in einer Schleife zehn Tage lang zu sehen sein wird. Eine Texttafel erklärte, was die Filmemacherin mit ihrem Film präsentiert: eine matriarchale Gesellschaft im Nordosten Indiens. Die Khasi leben seit Jahrhunderten im Nordosten Indiens in einer matriarchalen Gesellschaft. Die Großmutter ist Oberhaupt und Priesterin des Clans und vererbt ihr gesamtes Wissen und ihre Stellung an die jüngste Tochter der Familie. Aileen möchte ein Restaurant eröffnen, um ihrem Clan eine notwendige Einnahmequelle zu erschließen. Für die Finanzierung überredet sie ihre Mutter, Land vom heiligen Ahnenwald zu verkaufen – nicht ohne Folgen.

Die politische Dimension dieser Ausstellung ist kaum zu überschätzen. Sie setzt ein Zeichen: In diesem politisch so bedeutsamen Haus mit Menschen aller Ränge und Nationen - von KönigInnen, PräsidentInnen, DiplomatInnen bis hin zu Schulkindern - ist gleich der lichte Eingangsbereich ausgestattet mit der Botschaft: "Schaut her, hier wird gelacht, getanzt und gefeiert. Hier ist es bunt und voller Leben. Hier zeigt sich eine Lebensform, über die wir alle nachdenken sollten: die matriarchale Gesellschaft."

Kaum hatten wir uns davon überzeugt, dass Bilder und Film gut präsentiert wurden, begann auch schon die "Feierliche Eröffnung der weltweiten Ausstellung zum Internationalen Frauentag", so die offizielle Ankündigung. Die Eröffnungsrede hielt die Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokova, höchstpersönlich. Dann sprachen Gülser Corat, die Direktorin der Gleichstellungsstelle der UNESCO und die jeweiligen Diplomatinnen und Diplomaten aus den sieben Ländern, aus denen die zu dieser Ausstellung eingeladenen Künstlerinnen stammten: Algerien, Ungarn, Malaisien, der Dominikanischen Republik, dem Tschad, Uruguay und natürlich nicht zuletzt Deutschland.

Die Vorstellung von Prinzessin Béatriz Von Hohenlohe und Uschi Madeisky übernahm "Ihre Exzellenz Frau Martina Nibbeling-Wrießnig, Botschafterin und Ständige Vertreterin Deutschlands bei der UNESCO", so ihr offizieller Titel. Alle Gesichter waren fröhlich, denn der Anlass der vielen hochrangigen Menschen, hier bei Sekt und zum Teil sehr exotischen Häppchen zusammenzukommen, war tatsächlich auch ein Grund zur Freude: Die Ausstellung zeigte die Stärke und Kreativität von uns Frauen, stellvertreten durch sieben Länder.

Nach der Vorstellung und dem Sektempfang standen wir bis zum Abend im Foyer bei den Bildern und dem Film zum Thema "matriarchal societies"  den Fragenden aus aller Welt Rede und Antwort. Ein langer und beglückender Tag: Uschi Madeisky und Prinzessin Beatriz haben allen Grund, stolz auf ihr Werk zu sein!

Am nächsten Vormittag, dem 9. März, eröffnete erneut die Generaldirektorin Irina Bokova den Tag. Dann moderierte I.E. Martina Nibbeling-Wrießnig die Podiumsdiskussion über Menschenhandel und Zwangsprostitution von Frauen und Mädchen. Auf das Podium eingeladen waren Maria Grazia Giammarinaro, eine wortgewandte Vertreterin und Koordinatorin zur Bekämpfung von Menschenhandel in Europa (OSCE) und Philippe Decourroux, ein Schweizer Filmemacher und Sänger, der einen beeindruckenden Videoclip mit dem Titel "Girls from the East" vorstellte. Etwas verspätet hinzu kam die Vietnamesin Kim Phuc Phan Thi, deren besondere Botschaft erst klar wurde, als sie sich vorstellte. Dazu hielt sie ein weltbekanntes Foto von einem nackten Mädchen hoch, welches schreiend um sein Leben rennt, während hinter ihm Napalmbomben fallen. Es war das Jahr 1972 und Amerika bombardierte Vietnam. Kim Phuc Phan Thi war mittendrin. Ihre Brüder konnten schneller laufen als sie und überlebten, erzählte sie, ihre beiden kleineren Kusinen jedoch starben bei diesem Angriff. Sie selbst erlitt eine 65%ige Verbrennung der Haut und ein lebenslanges Leid an der hochgiftigen Chemikalie Napalm, das bis heute in ihrem Körper wirksam ist. Ja, dieses kleine existentiell bedrohte, nackte Kind, dessen Abbild vielen von uns vor 40 Jahren das entsetzliche Geschehen in Vietnam offenbarte, war Frau Phan Thi, heute Goodwill Ambassador der UNESCO. Ihr Vorname Kim Phuc bedeutet so viel wie "Besondere Botschaft" und die vermittelt sie wahrhaftig: Selbst wenn eine Person Opfer der schlimmsten Verbrechen wurde wie sie selbst, sagte sie mit Tränen in den Augen, gibt es Möglichkeiten, erlittenes Leid zu verstehen und in Hoffnung, Liebe und Versöhnung umzuwandeln. Wir können nicht nur auf die Zerstörung und ihre Opfer schauen, welche das Patriarchat mit sich bringt, betonte sie. Sich auf Stärken und Chancen zu besinnen ist mindestens ebenso wichtig, um etwas verändern zu können. Immer nur auf die Schrecken zu schauen, lähmt. Was die Welt dringend braucht sind Hoffnung, Liebe und Versöhnung.

Phan This Aufforderung, auf positive Dinge zu schauen, gab Uschi Madeisky die Gelegenheit, die Teilnehmenden darauf aufmerksam zu machen, dass Matriarchate weder Kriege kennen, noch einen Begriff für Prostitution besitzen und I.E. Nibbeling-Wrießnig erwähnte noch einmal den "matriarchalen" Teil der Ausstellung.  Diese energische Diplomatin weiß, was sie will. "Drumherum reden" ist nicht ihr Ding und Emotionen zu unterdrücken auch nicht. Sie besitzt beides: die Fähigkeit, zuzuhören, sich einzufühlen und konzentriert zu erfassen, was das Gegenüber möchte, und gleichzeitig die Bestimmtheit, einen Redeschwall höflich zu unterbrechen, wenn das Wichtigste gesagt worden ist, um andere zu Wort kommen zu lassen - sehr mütterliche Eigenschaften, durch die alle zu ihrem Recht kommen. Sie sei eine "Generalistin", erzählte sie uns – offensichtlich eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Diplomatin! Denn eher als manche ihrer KollegInnen begann sie wohl zu ahnen: Es gibt mehr als ausschließlich patriarchale Probleme, mit denen sich die UNESCO beschäftigen sollte. Die Aufmerksamkeit kann nicht immer nur auf den Schrecken und das Negative gerichtet werden. Wenn wir die Menschheit "generaliter", also im Ganzen, verstehen wollen, dürfen wir das Phänomen und die Existenz matrilinearer, matrifokaler, matrizentrierter oder wie auch immer genannter Gesellschaften nicht übersehen oder gar leugnen, die in einer völlig anderen Ordnung leben und gedeihen, als das Patriarchat: einer Ordnung mit mütterlichen Werten, die Frieden und Wohlstand für alle garantiert. Vielen Menschen sind solche Gesellschaften immer noch völlig unbekannt oder suspekt. Es gibt Kreise, in denen das Thema Matriarchat abgewehrt wird oder sogar eine irrationale Angst erzeugt.

Ob es nicht noch einen anderen Begriff als "Matriarchat" gäbe, fragte uns am nächsten Tag die deutsche Diplomatin am Ende der Veranstaltung nach einem feierlichen Mittagessen. Der Begriff sei problematisch und würde bei vielen Personen Vorurteile hervorrufen. Sie wirkte jetzt, am Ende der zweitägigen Veranstaltung, ein wenig erschöpft, aber zufrieden. Ganz offensichtlich hatte sie einen Großteil der Verantwortung für diesen Internationalen Frauentag getragen, die Ideen gehabt, Beziehungen geknüpft und SponsorInnen gefunden. Doch die Zeiten ändern sich: Die Tatsache wird immer offensichtlicher und lässt sich immer weniger leugnen, dass eben nicht Gewalt und Krieg, nicht Reichtum und Armut, nicht Hass, Ausbeutung und Prostitution einfach zur menschlichen Natur gehören, wie die "Wissenschaft" lange postulierte. Durch den Vergleich von patriarchalen und matriarchalen Kulturen ist es deutlich geworden, das diese kulturellen Erscheinungen unübersehbare Zeichen vom Niedergang der Menschheit darstellen, die eben nicht überall zu finden sind: Matriarchate kennen keine Kriege. Sie haben keine Begriffe für patriarchale Phänomene wie Prostitution. Stattdessen praktizieren sie gegenseitigen materiellen Ausgleich und leben in fürsorglicher Bezogenheit miteinander - in "Schenk-Ökonomien".  Sie pflegen eine Beziehungs- und Liebeskultur, in der kein Platz für Einsamkeit und Eifersucht, Hass und Krieg ist.

Wenn die UNESCO sich zur Aufgabe gemacht hat, Minderheiten zu schützen, dann gehört es m.E. auch dazu, die Besonderheiten und Eigenarten dieser Minderheiten zu kennen, um sie überhaupt an-erkennen zu können. Bisher hielten sich matriarchal lebende Volksgruppen damit zurück, zu zeigen, dass sich ihr Leben nach gänzlich anderen Werten richtet, als ein jedes Patriarchat - was auch von Vorteil war, denn so konnten sie ihre Gesellschaftsform einigermaßen bewahren. Mehr denn je werden sie gleich auf mehreren Ebenen diskriminiert und nicht verstanden: Traditionelles Wissen galt nicht nur für "Westler" bisher nicht als Wissen. Herrschende Kulturen hatten schon immer die Selbstgefälligkeit besessen, ihre eigenen Wissenssysteme als die einzig wahren darzustellen. Die Freiheit der Frauen sieht für patriarchalisierte Menschen aus wie Prostitution. Die Führungskraft der Großmütter und Mütter dieser Gesellschaften muss in Gesellschaften, wo der Mann in der Hierarchie über anderen Männern und über der Frau im Allgemeinen steht, fremd, ja bedrohlich erscheinen.

Doch etwas scheint sich zu verändern. Kürzlich hat Leymah Gbowee, eine der drei Frauen, welche 2011 den Friedens-Nobel-Preis erhalten haben, stolz der Welt bekannt gegeben, dass sie aus einem Matriarchat in Liberia stamme und von ihren Großmüttern und Müttern[1] ihre Durchsetzungskraft habe. Diese selbstbewusste Aussage wäre vor ein paar Jahren noch ganz undenkbar gewesen. Sie wäre untergegangen, weil der Mainstream nichts hätte damit anfangen können, oder sie wäre gar nicht erst abgedruckt worden. Und nun gehen die Menschen in den nächsten zehn Tagen hier im Hauptquartier der UNESCO an einer lebendigen Präsentation eben dieser Lebensform vorbei, die sie staunen lassen wird. Sie werden von höchster politischer Ebene darauf aufmerksam gemacht: Es gibt noch etwas anderes als das Patriarchat und seine Erscheinungen. Wie erfreulich, das zu erleben!

Die Einladung zum gemeinsamen Mittagessen durch die Diplomatin stellte für uns einen ganz besonderen Höhepunkt dar, denn unsere Hoffnung, bei diesem zwanglosen, informellen Zusammensein Pläne für eine weitere Zusammenarbeit schmieden zu können, erfüllte sich voll und ganz. Die Stimmung zum Abschluss dieses Internationalen Frauentages 2012 war angeregt. Wir alle fühlten uns auf einem guten Weg: Gemeinsam halten wir Frauen einen unermesslichen Schatz an Wissen, politischem Verstand, Einfluss, Kreativität und Mitteln in den Händen. Es gilt, ihn zu nutzen.

Nun schauen wir bereits auf das zweite Event zum Thema "Matriarchal Societies"  im Hauptquartier der UNESCO zurück: Bereits im Jahr 2011 waren die Prinzessin und Uschi Madeisky im Rahmen des Internationalen Frauentages zum Thema Matriarchat eingeladen worden. Ein drittes dieser Art wird gewiss folgen – wir dürfen hoffen!

(Wedel, den 22.03.2012, Dagmar Margotsdotter-Fricke)

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[1] Ja, Mütter, denn in matriarchalen Gesellschaften werden von einem Kind auch die Schwestern ihrer Mutter als Mütter betrachtet.

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