Pressestimme zu "Ich lebe. Ich bin."

Aus: bzw-weiterdenken.de, 26.4.2012

Wegschauen wäre leichter
Eine Frau hat gekämpft – und sie kämpft immer noch. Das Buch, das sie über diesen Lebenskampf geschrieben hat, zeigt, dass es sich lohnt, zu kämpfen – und dass es verdammt hart ist. Es geht um sexuelle Gewalt, die ‚Mann‘ ihr angetan hat und auch ihrer Mutter. Und weil ihre Mutter ihr eigenes Leid so verdrängt hatte und nicht daran erinnert werden wollte, konnte sie auch ihrer Tochter nicht helfen.
Meine Haltung zu Lebensberichten, in denen die Erfahrungen mit sexueller Gewalt beschrieben werden, ist sehr zwiespältig. Wenn ich die Passagen lese, fühle ich mich unbehaglich und voyeuristisch. Ich finde, dass mich die Details nichts angehen. Außerdem befürchte ich, dass solche Schilderungen ein hohes Erregungspotential für potentielle Täter enthalten. Und das finde ich ziemlich schrecklich: dass die Leiderfahrungen von Frauen und Kindern von Männern dazu benutzt werden könnten, sich aufzugeilen. Andererseits: Wenn solche Dinge in unserer Gesellschaft geschehen – und wie wir wissen, nicht zu selten –, darf niemand wegschauen, auch ich nicht.
Die Autorin Gita Iff macht es der Leserin leicht. Die Atmosphäre in ihrem Lebensbericht ist so dicht und berührend, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt und die 228 Seiten an einem Tag bzw. in einer Nacht durchgelesen habe. Oft fühlte ich mich an Ulla Hahn erinnert, die in ihrem Roman ‚Das verborgene Wort‘ über ein begabtes, empfindsames Mädchen geschrieben hat, das in der geistigen Enge und der erschütternden Armut einer Arbeiterfamilie am Niederrhein aufwächst. Gita Iff ist, ähnlich wie die Protagonistin Ulla Hahns, als Nachkriegskind am Niederrhein aufgewachsen. Nur dass ihr Buch kein Roman, sondern bittere Erfahrung ist. Die Leserin kann keine innere Distanz zu einem fiktiven Geschehen herstellen, sondern ist mit brutalen Ereignissen, die wirklich so passiert sind, konfrontiert.
Glücklicherweise belässt es Gita Iff nicht bei der Schilderung ihrer Erfahrungen. Sie stellt Fragen und möchte verstehen, warum das, was geschehen ist, so geschah. Sie hat die Hoffnung, dass ihr Buch dazu beitragen könnte, die Gewaltstrukturen, denen sie und ihre Mutter ausgeliefert waren, zu erkennen und zu verändern. Ganz warm ums Herz wurde mir bei den liebevoll formulierten Einblicken in die Kindheit ihrer Mutter, deren Details sie nur zum Teil erfragen konnte und die sie sich aus Bruchstücken zusammengereimt hat. Wie befriedend kann so eine Beziehungsarbeit sein!
Da Gita Iff literarisch begabt ist, gelingt es ihr, das Leid, das sie beschreibt, in immer wieder eingefügten Gedichten aufzufangen, zu verwandeln und bis zu einem gewissen Grade zu heilen.
Zwei Gedankenstränge wirken nach. Der eine dreht sich um die Männer, die zu Tätern wurden: Was haben Armut, totalitäre Erziehungsmethoden, Kriegserfahrungen und faschistische Regimes in ihren Seelen angerichtet, dass sie so viel Gewalt in ihre Familien tragen mussten? Der andere Gedankenstrang ist auf gewisse Weise tröstlich und dreht sich um die Altersdemenz von Gita Iffs Mutter: Dann nämlich, als die Demenz alle Erinnerungen an die Gewalterfahrungen der Kindheit verschluckt hat und keine Kraft mehr gebraucht wird, um diese ‚einzusperren‘, dann kann die Mutter ganz gelöst im Hier und Jetzt leben.
(Juliane Brumberg)

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