Pressestimme zu "Erzähl mir Labyrinth"

Aus: efi (evangelische frauen informationen für Bayern), 2/2012

... Bei dieser Fülle von Labyrinthen, die allein in den letzten 10 Jahren entstanden sind, wird oft vergessen, dass es Frauen waren, die das Interesse für dieses alte Symbol wieder in die öffentliche Wahrnehmung gebracht haben. Ausgangspunkt war das Frauenlabyrinth in Zürich, dieser Platz, an dem eine Labyrinthkultur herrscht, die ihresgleichen sucht. Dort wird inmitten eines ehemaligen Kasernengeländes gearbeitet, getanzt, gelacht, gestritten, gepflanzt, gesungen, gedacht und weibliche Autorität gelebt. Seit 20 Jahren gedeiht an diesem öffentlichen Ort, von Frauen geprägt und gepflegt, Tag und Nacht offen für alle, das Pionierlabyrinth dieser länderübergreifenden Bewegung. Im letzten Jahr ist anlässlich von ,20 Jahre Labyrinthplatz Zürich' im Christel Göttert Verlag ein tiefgehendes, blaugoldenes Buch erschienen, in dem die dort aktiven Frauen von ihren Erfahrungen, ihren Gedanken, ihren Träumen und ihrer Arbeit in diesem Labyrinth erzählen. Wer einen tieferen und differenzierteren Zugang zum Labyrinth sucht, der über die Freude an dem geometrischen Muster hinausgeht, ist mit diesem Buch gut beraten.

Das Züricher Frauenlabyrinth wurde auf einem alten, patriarchal belasteten Kasernenplatz angelegt, in einer Gegend, die als sozialer Brennpunkt gilt. Drogenabhängige treffen sich dort, und sogenannte Alkis und Penner verbringen ihre Tage auf den Bänken in der Umgebung. Im umliegenden Viertel wohnen viele Einwanderer, die sich in der Schweiz heimatlos fühlen. Die Frauen standen vor der Herausforderung, viele unterschiedliche Menschen, viele Fremde auch, mit in ihr Labyrinth hineinzunehmen. In dem Buch berichten sie über die Begehungen und Erlebnisse.

 Gegenseitige Achtsamkeit

Regula, die Labyrinthgärtnerin, erzählt, dass sie abends einem Obdachlosen begegnet sei, der torkelnd vom Tisch aufstand, eine ganze Batterie Bierdosen zu Füßen. Sie machte ihn darauf aufmerksam, dass er die Dosen in einem Container entsorgen könne. ,,Ich?", fragte er. Und Regula meinte: ,,Ja, du!" worauf er fragte: ,,Warum?" Und Regula antwortete: ,,Damit es schön ist hier." Er hob die Dosen auf, torkelte zum Container und warf sie in den Schlitz. So gelingt es den Labyrinthfrauen immer mehr, eine Atmosphäre der gegenseitigen Achtsamkeit zu schaffen.
An einem anderen Nachmittag hatte sich Regula auf ein längeres Gespräch mit den Leuten am Biertisch eingelassen. Plötzlich sah sie auf die Uhr und verabschiedete sich, weil sie jetzt im Garten arbeiten müsse und noch viel zu tun sei. Einer aus der Gruppe meinte, Siehst du, du arbeitest, und wir sitzen einfach da". Regula entgegnete: ,,Ich denke, jeder Mensch hat seine Aufgabe im Leben. Vielleicht ist es eure Aufgabe, einfach hier zu sitzen, und meine Aufgabe ist, den Garten zu pflegen. Er schaute sie verblüfft und mit großen Augen an. ,,Das hat uns noch niemand gesagt, dass es vielleicht unsere Aufgabe ist, hier zu sitzen. "Regula erklärte die Situation hinterher folgendermaßen: Zuerst müsse die Situation so, wie sie sei, wahrgenommen und akzeptiert werden und den Menschen in ihren jeweiligen Lebensumständen ihre Würde (zurück)gegeben werden. Erst daraus könne die Kraft und der Impuls zu möglichen Veränderungen kommen.

Da sich das Labyrinth als Symbol für den Lebensweg anbietet, wird darin in Zürich seit vielen Jahren ein ,Fest zum Lebensanfang' mit Kindern in ihrem ersten Lebensjahr gefeiert. Wenn sich alle beim Labyrintheingang versammelt haben, gehen die Großeltern voraus und streuen Rosenblüten als Zeichen, dass sie als Vorgängerinnen und Vorgänger den Neugeborenen den Weg bereitet haben. Dann tragen die Familien ihre Kinder durch das Pflanzen-Labyrinth. In der Mitte bekommt jedes Kind einen Klang, eine Melodie oder ein Lied. Später wird dann ihr Name auf ein Stofffähnchen geschrieben, und die Gäste sind eingeladen, gute Wünsche darauf zu schreiben.

Die Frau als Lebenskreuz

Auf den Wegen durch das Labyrinth kommt es zu ganz unterschiedlichen Deutungen, aber so verschieden diese auch ausfallen, sie haben etwas Gemeinsames herausgefunden: ,,Das Labyrinth ist ein Zeichen der Umwandlung, der Veränderung, ein Zeichen der Wende. Jeder Wandel vollzieht sich erst mit dem Verlassen von Vertrautem, mit der Zuwendung zum Unbekannten. Risiko und Chance halten sich die Waage. Veränderung ist ein Wagnis, und sie irritiert, wie das Labyrinth mit seiner widersprüchlichen Weisheit verunsichert. Im Labyrinth sind die paradoxen Wahrheiten des Lebens sinnlich erfahrbar, fassbarer, als es das Nacheinander von Worten sagen kann." Besonders an dem Züricher Labyrinth ist das von Agnes Barmettler gestaltete Logo, das sich auch an vielen anderen Labyrinthplätzen wiederfindet: Es ist um eine Frau herum, die zugleich als Tänzerin erkennbar ist, gestaltet. Sie bildet mit ihrem Körper das Orientierungskreuz der Labyrinthstruktur. Ihr Herz im Schnittpunkt der waagerechten und der senkrechten Achse ist die ,,verborgene Mitte des Labyrinths, der Ort, an dem alle Kräfte im Gleichgewicht sind, gleichzeitig in Ruhe und Bewegung. Aus diesem Mittelpunkt heraus bewegen sich die Weg weisenden Strukturbögen des Labyrinths. In je einer Hin- und Herbewegung, verbunden mit dem Kopf, dem Fuß, dem linken und dem rechten Arm der Frau bezeichnen sie die Grenzen des menschlichen Maßes innerhalb der Grenzen des Lebens und erinnern an sie." ,Lebenskreuz' nennen die Züricherinnen ihre Frau im Labyrinth, deren beide Lebensachsen zusammengehören ,,wie Tag und Nacht, Einatmen und Ausatmen, Tränen der Freude und Tränen der Trauer, Alt und Jung, weiblich und männlich, Licht und Schatten, Geborenwerden und Sterben, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang".
(Juliane Brumberg)

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