Pressestimme zu "Mein Kabul - mein Deutschland"

Aus: Bergsträßer Anzeiger vom 13.10.2012

Keine Freiheit für Frauen

Bensheim. Afghanistan und der Krieg am Hindukusch haben zwar derzeit nicht mehr die tagespolitische Aktualität. Sie dürften wohl im Zuge der Finanzkrise und der drohenden Pleiten europäischer Staaten mehr in den Hintergrund gerückt sein. Umso erstaunlicher der Besucherandrang bei der Lesung von Mári Saeed im Rahmen des Lesefestivals. Die Autorin öffnete den gebannt zuhörenden Besuchern den Vorhang zu einer Lebenskultur, in der der Zwang zur Burka ein Symbol für eine Knechtung ist, der Frauen in der Schreckensherrschaft der Männer tagtäglich ausgesetzt sind.
Die Zuhörer verharrten in einer gespannten Reglosigkeit, als Rainer Scheffler von der Menschenrechtsinitiative Bergstraße aus dem Buch der Afghanin vorlas. Nach der Begrüßung in der Stadtbibliothek durch die Frauenbeauftragte Marion Vatter vermittelte Karl Kerschgens vom Nord-Süd-Forum die geschichtlichen Hintergründe eines Landes, das bis in die Neuzeit von Fremdherrschaften überzogen war. Perser und Araber, Briten und Russen breiteten hier ihre Vormachtstellungen aus. 1989 zogen die sowjetischen Truppen ab. Wenige Jahre später wurde der islamische Staat gegründet, in dem 1994 die aus Pakistan kommenden Taliban das politische "Geschäft" übernahmen.
Mári Saeeds Buch "Mein Kabul - mein Deutschland" reflektiert nicht explizit die politische Geschichte des Landes, wenngleich sie stets durchschimmert. Sie beschreibt vielmehr ihre Kindheit, Jugend und das Leben als Frau unter der patriarchalen Knute. In Kabul geboren, genoss sie durchaus die Privilegien einer bildungsbeflissenen Familie. Die kindliche Unbeschwertheit fand ein jähes Ende. Eine erste Herausforderung musste sie bestehen, als die Familie eines acht Jahre älteren Mannes bei ihren Eltern um ihre Hand anhielt. Sie widersetzte sich mit aller Kraft der Zwangsverheiratung. In ihrem Vater fand sie einen Verbündeten, der nur schweren Herzens dem Schicksal seiner bereits verheirateten älteren Tochter Rana zusah.

Schwere Misshandlungen

Mári Saeed beschreibt in dem über 200 Seiten starken Buch das Leben ihrer Schwestern als das schwere Los vieler Frauen. Rana wurde von ihrem Ehemann aus Eifersucht misshandelt – selbst in der Schwangerschaft und Stillzeit. Ihre erste Tochter war behindert, was in Afghanistan als Strafe für die Sünde der Eltern angesehen werde. Niemand sei auf die Idee gekommen, die Ursache in den erlittenen Schlägen zu sehen. Stattdessen habe man Rana die Schuld zugesprochen.
Mit der Machtergreifung der Mudschaheddin wurde die Verhüllung der Frau Pflicht. Bewegte sie sich im öffentlichen Straßenraum, durfte Haut und Haar nicht mehr zu sehen sein. Mári Saeed, selbst in einer gewalttätigen Ehe mit einem kommunistisch gesinnten Afghanen verheiratet, blieb als einziger Ausweg die Flucht. Ihr Vater investierte sein ganzes Hab und Gut für ihre Rettung. Nach einem Gewaltmarsch zu Fuß über die Berge nach Pakistan setzte sie mit ihrer Tochter den Weg nach Europa fort.
Die menschenrechtsverletzenden Entmündigungen der Frauen lassen sie auch in Deutschland nicht los. Sie tritt als Fürsprecherin für die Freiheit der afghanischen Frauen auf und hat ein Haus eröffnet, das ihnen Schutz bietet. Trotz ihrer schlimmen Erfahrungen traut sie sich, den Weg in ihr Heimatland anzutreten. Mehrfach besuchte sie Frauengefängnisse und stellte immer wieder fest, dass viele Frauen ohne Grund inhaftiert worden waren. Auch auf deutschem Boden fühlt sich die Afghanin nicht sicher ... Denn im afghanischen patriarchalen Denken gelten Ehrenmorde wohl als Ehrensache. (moni )

 

« Pressestimmen zu "Mein Kabul - mein Deutschland"

« zur Übersicht der Pressestimmen