Pressestimme zu "Ich lebe. Ich bin."

Aus: Virginia, Herbst 2012

Dieses Buch ist eine sehr bewegende Lektüre, da es der Autorin gelingt, in schöner und klarer Sprache souverän ihren "Aufbruch" zu erzählen: eine lange Geschichte von Angst, Panikattacken, Albträumen und Erschöpfungszuständen als Mädchen, Studierende und junge Lehrerin. Wir erfahren davon in doppelter Weise: als fortlaufende Geschichte einer Reise in die eigene Vergangenheit wie die der Mutter und konzentriert in Gedichten, die den Fluss der in 13 Kapitel gegliederten Erzählung 26-mal ergänzen. In beiden wird nicht nur die sexuelle Gewalt, die dem Kind bis zum 16. Lebensjahr von ihrem Stiefvater angetan wird, erzählt. Wir gewinnen zugleich auch viele sinnliche Eindrücke vom linksniederrheinischen Dorf, von der Schul- und Studierendenzeit der Autorin, von ihren Ashram und Anthroposophie-Seminaren, den Therapiestunden und schließlich von der Suche nach dem leibhaftigen Vater in New York.
Trotz jahrelangen Bemühungen nach Verlassen des Elternhauses vermag die Autorin nicht, sich von der Angst zu befreien und das Verhalten der Mutter zu verstehen, die sie nicht beschützte. Wir erfahren, dass die erfahrene Gewalt auch einen Berufsbruch zur Konsequenz hat. Schließlich aber trifft Gita Iff in einer Selbsthilfegruppe auf andere Frauen, die einen Seelenmord überlebt haben, wird Redakteurin der Schriftenreihe Namenlos und Mitgründerin von Wildwasser und Notruf Ludwigshafen. Es gelingt ihr nun, entscheidende Veränderungen einzuleiten, mit sich selbst wieder in wirklichen Kontakt zu kommen und zu einer erfüllenden Sexualität zu gelangen: "Ich schrieb alles auf, was mir Schrecken gemacht hatte. Ich rang um Worte und indem ich meine eigenen Worte fand, fand ich mich".
Das Buch skizziert zunächst das Leben der Mutter auf dem Land während und kurz nach dem Nationalsozialismus mit harten Klassen- und Geschlechterdifferenzen, vielfältiger Gewalt im Elternhaus und unter den Geschwistern, mit sexuellen Übergriffen der Dorfjugend und auf der großbäuerlichen Arbeitsstelle der Mutter. Die damit einhergehenden wortlosen Ängste, die völlige Sprachlosigkeit und die Verdrängung von Schuld und Verantwortung werden so eindringlich thematisiert, dass ich mich selber, die nach dem Krieg bis Anfang der 1960er Jahre am unteren Niederrhein aufwuchs, betroffen erinnerte: "Meine Kindheit war eine Welt, die die Sprache der Seele weder sprechen noch verstehen konnte."
Auf diesem Hintergrund lehnte die schon schwangere Mutter das Heiratsangebot des Kindsvaters ab. Stattdessen heiratete sie den jüngeren Flüchtling, einen ungelernten Zechenarbeiter, guten Tänzer und Kinogänger, der aus einem Gefängnis der sowjetischen Besatzungszone gekommen war. Fatalerweise gestand sie ihm in der Hochzeitsnacht, dass sie ihn nicht liebte, aber Versorgung für sich und das Kind brauchte. Dies führte dazu, dass ihre Tochter glaubte, den Vater trösten zu müssen. Die Mutter merkt auch nichts vom Missbrauch des Mannes an der Tochter bzw. hat "wahrgenommen, ohne wahrzunehmen".
Gita Iff will, dass sich die schuldig gewordenen Menschen zu ihrer Schuld bekennen, obgleich sie schreibt: "Ich werde nie wissen, wie meine Mutter sich verhalten hätte ohne die Verletzungen, die sie als Mädchen und Frau erfuhr". Doch müsste solches dann wohl auch für den Stiefvater gelten: "Ich weiß ja, dass es kein Bild eines geliebten oder eines liebenden Menschen in ihm gab. Mein Großvater, sein Vater, der der Mittelpunkt seines Lebens gewesen war, hatte wie mein Opa mütterlicherseits die Züge des Faschismus in seinem harten Gesicht ... Ich sah einen Großvater, der seine sadistischen Gefühle an seinem Sohn auslebte." Warum die Autorin offensichtlich bereit ist, ihrer Mutter Verantwortungslosigkeit zuzugestehen, dem Stiefvater jedoch nicht, bleibt offen. Denn auch Frauen werden schuldig, selbst für sexuellen Missbrauch, nicht nur für dessen Übersehen oder Beschweigen."

(Ursula Nienhaus)

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