Pressestimme zu "ABC des guten Lebens"

Aus: : www.diotimafilosofe.it, dt. Übersetzung: www.bzw-weiterdenken.de, 16.12.2013

Abc della vita buona, wie ich den Titel aus dem Deutschen übersetze, klingt für mich – statt nach dem Guten als einer Tugend, das im Kampf gegen das Böse ins Feld geführt wird – nach der richtigen Art und Weise, sich dem Leben gegenüber zu verhalten. Unter "richtig" verstehe ich jenen Lebensstil, der in der Lage ist, das richtige Maß im Hinblick auf eine Bereicherung des Zusammenlebens zu finden. Dieser Lebensstil macht es möglich, einen Weg einzuschlagen, der die Möglichkeiten des Kontextes intensiviert, in dem er sich befindet.

Um die lebendigen und bereichernden Aspekte der Existenz hervorzuheben, schlagen die Autorinnen daher keine Definition vor, was das gute Leben sei, sondern sprechen davon, wie ein Leben gelebt werden kann, das seine Möglichkeiten intensiviert, welche Wege einzuschlagen sind, damit das Leben es wert ist, gelebt zu werden. Welches die Praktiken und die Worte sind, die das Leben in diesem Sinne begleiten und ihm Orientierung geben. Mehr als über das "Was" denken sie über das "Wie" nach.

Es sind neun Autorinnen: Ursula Knecht, Caroline Krüger, Dorothee Markert, Michaela Moser, Anne-Claire Mulder, Ina Praetorius, Cornelia Roth, Antje Schrupp, Andrea Trenkwalder-Egger. Einige von ihnen kenne ich persönlich: Antje Schrupp, Journalistin, Ina Praetorius, Theologin, Dorothee Markert, Philosophin und Lerntherapeutin. Ich kenne sie durch den Austausch, den wir miteinander hatten, durch Freundschaft und weil alle drei auf unterschiedliche Weise mit Diotima zusammengearbeitet haben. Wenn die Autorinnen in ihrem Buch von sich selbst sprechen, vermitteln sie den Eindruck, bei ihren gemeinsamen Treffen das Leben erfahren zu haben, über das sie in ihrem Text schreiben. Sie beziehen sich konkret auf Aspekte von Freiheit und gleichzeitiger Intensität, die ihre Diskussionsarbeit charakterisierten. Insgesamt vermitteln sie den Eindruck, die Freude an lebendigen Beziehungen erlebt zu haben. Und schließlich haben sie diesen Denk- und Erfahrungsweg  – das gute Leben – in ein internationales Treffen eingebracht, das Anfang September 2013 in Österreich stattfand.

Das Schlüsselmoment des Buches ist es, das grundlegende politische Handeln in der Arbeit an der Sprache zu sehen, um hier und heute Worte in Umlauf bringen zu können, an denen man sich ausrichten kann. Diese werden dann notwendig, wenn die Worte des Patriarchats keinen Zugriff mehr auf die Realität haben. Während seines Sterbens ging dem Patriarchat auch die Sprache der Kritik verloren, die in der Linken so wichtig war. Worte wie "Globalisierungskritik", "Frieden" und auch der Begriff "links" selbst wurden ausgelassen, weil sie zum jetzigen Zeitpunkt keine neuen Wege eröffnen, obwohl es Begriffe sind, über die schon noch diskutiert wird. Der Wunsch der Autorinnen, sich von einer Kultur der Kritik zu distanzieren, die in einem bestimmten Sinne den Verhältnissen verhaftet bleibt, gegen die sie sich wendet, wird offensichtlich. Und im übrigen wissen wir ja, dass die Opposition sich darauf reduziert, das Andere des Anderen zu sein, und folglich an die dominierende symbolische Sprache gebunden bleibt.

Was ist also das Anliegen der Autorinnen? Eine postpatriarchale Welt, die eine Sprache braucht, die von dieser Welt spricht, wodurch sie sich herausbilden und in der sie aufscheinen kann, eine Sprache, die dieser Welt gleichzeitig auch Orientierung und Ausrichtung bietet. Eine solche Welt braucht neue Worte, das ist den Autorinnen bewusst. Dabei helfen ihnen ihre feministischen Wurzeln und insbesondere der Sprengsatz der Analyse, der die feministische Kultur die Sprache zu dem Zeitpunkt unterzogen hat, als sie das Patriarchat in seinen Grundfesten erschütterte.

In der Einleitung schreiben sie, dass kein Begriff jemals die Realität vollständig repräsentiere, noch sie hervorbringe. Jedoch seien die Benennungen wichtig, weil sie bestimmte Tendenzlinien der Realität eher erkennen lassen als andere. Um radikal aus der patriarchalen Ordnung auszubrechen, ist es daher wesentlich, auf die Worte zu achten, die wir verwenden, und die Worte zu verfeinern, die eine sich herausbildende lebendige Realität zeigen. Wenn sie benannt werden, bedeutet das, dass sie in einem öffentlichen Kontext, wie es die Sprache ist, sichtbar werden.

Um gut zu leben – für ein gutes Leben – brauchen wir Worte, die im Rahmen jenes Lebens liegen, das wir im Begriff sind zu erfahren. Wir brauchen sie zuallererst für uns selbst, aber, da wir uns ja in Abhängigkeitsbeziehungen mit den anderen befinden, ist es notwendig, dass andere sie kennen, sie in ihre Sprache aufnehmen und sie sich zu Eigen machen. Nur so entsteht eine neue Form des Zusammenlebens.

Ist dies also ein Buch, das nur auf Worte abzielt? Ja, wenn wir dabei stehen bleiben, dass der Text ein Themenkatalog von A bis Z ist, nein, wenn wir beachten, dass, um die Wechselwirkung zwischen Sprache und Realität darzustellen, Praktiken, Entdeckungen, Erfahrungen und Gedanken zu jedem der angeführten Worte eingebracht werden. Ich nenne einige der Worte, um einen Eindruck von der Auswahl und der Ausrichtung der Autorinnen zu geben: Abhängigkeit, Anfangen, Aufräumen, Autorität, Begehren, Care, Daseinskompetenz, Dazwischen, Freiheit, Essen, Geborensein, Genug, Schönheit, Staunen, Tausch, Welt, Zugehörigkeit, WürdeträgerIn, und so weiter.

Einige dieser Worte kommen denjenigen bekannt vor, die in den letzten Jahren an der feministischen Auseinandersetzung im Rahmen der Diskussionen zum Denken der Geschlechterdifferenz und zu neuen politischen Bewegungen teilgenommen haben, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien, Spanien und teilweise auch in Frankreich. Da ich die Schriften einiger der Autorinnen kenne, kann ich auch den jeweils ursprünglichen Beitrag wiedererkennen, der zu den jeweiligen Themen geführt hat. Außerdem folgt auf jedes Thema eine äußert kurze Bibliographie deutschsprachiger Literatur.

Aus diesem Grund möchte ich mich hier auf jene Worte konzentrieren, die mich überrascht haben, die ich in dieser Auswahl nicht erwartet hatte und die ich daher als besonders innovativ empfinde, zumindest im Rahmen meiner Kenntnisse.

Ich beginne mit "abbastanza", "genug". Das ist heute ein Schlüsselbegriff für eine recht verbreitete Politik, die für das gute Leben im Sinne eines maßvollen Lebens Raum schaffen möchte. In welchem Sinne können wir das Maß, den Maßstab des "genug" verstehen?

Die Bewegung der Wachstumsrücknahme, die von Serge Latouche auf den Weg gebracht wurde, hat diese Frage schon lange berührt, sie jedoch durch das Ausgehen vom gewählten Begriff "Wachstumsrücknahme" schlecht gestellt, der auf Ent-Industrialisierung und Kapitalismuskritik verweist. Wieder einmal ist es eine Bewegung, deren Stärke eher in ihrem kritischen Elan liegt, als dass sie neue Wege der Existenz erprobt. Die von den Autorinnen des ABC des guten Lebens eingeschlagene Richtung führt im Gegensatz dazu auf einen ganz einfachen Weg. Den Weg, sich selbst zu befragen und sich mit dem Maßstab des Genug von sich selbst ausgehend auf den Weg zu machen, wobei gleichzeitig auf die anderen geachtet wird. Was genug für mich selbst ist, darf nicht zum Nachteil der anderen sein, weil wir uns mit ihnen in einer Reihe von mehrfachen Abhängigkeitsbeziehungen befinden.

Die Philosophen der Stoa sagten, das richtige Maß verlange eine Weisheit, die dadurch gewonnen werde, dass die Welt, an der wir alle teilhaben, in ihrer Gesamtheit betrachtet wird. Die zeitgenössischen ökologischen Bewegungen gehen in diese Richtung.

Selbstverständlich ohne dass sie die Bedeutung dieser Art von Weisheit leugnen, bringt das feministische Hintergrundwissen der Autorinnen sie dagegen dazu, nach einem Maßstab zwischen Begehren und Bedürfnis zu suchen. Begehren ist ein anderer thematischer Begriff, der im Zentrum des Buches steht, wobei sowohl der Gedanke des Begehrens nach Überflüssigem als auch der eines Begehrens, das aus dem Mangel hervorgeht, verworfen wird. Was gemeint ist, kann man aus den Beispielen verstehen. Das Begehren kann dazu führen, dass mehr Beziehungen geschaffen, mehr Erfahrungen gemacht, dass studiert, gelernt und dass Erkenntnisse gewonnen werden. Hierbei geht es um Wünsche, die weder mit Geld befriedigt werden, noch ist das Geld ein Maßstab dafür. Andererseits ist das Begehren eng mit den Bedürfnissen verstrickt. Wir haben nicht nur das Begehren nach Beziehungen, sondern brauchen diese auch, haben auch das Bedürfnis dazu, wir sind sogar von ihnen abhängig. Ebenso haben wir nicht nur das Begehren nach Studium, sondern brauchen es auch für die Arbeit, um Kompetenzen zu erwerben, damit wir in der Welt leben können.

Andererseits wird das Geld auf seinen symbolischen Gehalt befragt, das heißt auf den Wert, den es in den Augen von Männern und Frauen hat, um verstehen zu können, warum es da ist. Ein Warum, das niemals nur auf das reduziert werden kann, was wir mit dem Geld kaufen können. Der Beitrag zum Thema "genug" setzt sich nicht direkt in einen Gegensatz zum Thema "Geld", sondern begibt sich eher auf eine andere Ebene, von der aus zum Beispiel gefragt werden kann, wann das Geld, das wir zum Leben brauchen, genug ist.

Wie auch schon bei dem hier gewählten Begriff "genug" zu erkennen ist, werden viele der thematischen Begriffe miteinander verknüpft und bilden ein Netz. Im Buch wird dieses Netz graphisch durch Unterstreichungen und Fettdruck sichtbar gemacht, wodurch auf andere im Buch thematisierte Begriffe verwiesen wird.

Und hier ist ein Ausdruck aus der Zusammenstellung, der mich wirklich auf der philosophischen Ebene überrascht hat: "così, come anche", "sowohl – als auch". Er möchte darauf hinwirken, die Realität auf eine fließende und bewegliche Weise zu erfassen. Es ist ein Schlüsselbegriff, denn das ganze Buch ist auf den Gedanken des Im-Fluss-Seins, des Miteinander-Verbundenseins ausgerichtet und weist das Aufteilen der Welt und der erlebten Realität in zwei gegensätzliche Teile entschieden zurück. Es ist interessant, damit einmal dem Gedanken nachzugehen, wie die Idee der Arbeit, ausgehend vom "sowohl – als auch", neu interpretiert werden könnte.

Im Allgemeinen wird der Vorstellung von Arbeit als Mühsal und Belastung – die normalerweise mit der gesamten Lebensdauer verbunden wird – eine andere Idee von Arbeit gegenübergestellt, die der Arbeit als einer Möglichkeit existentieller Befriedigung. Der Gebrauch des Ausdrucks "sowohl – als auch" zeigt, dass es unterschiedliche Zugänge zur Arbeitserfahrung gibt, dass sie nicht auf einen Aspekt reduziert werden kann. So ist Arbeit zweifellos sowohl ein komplexes Handeln als auch notwendiges Mittel zur Lebenserhaltung als auch Weltveränderung als auch …, und so weiter. Dieses Vorgehen, das durch das "Sowohl – als auch" möglich wurde, schafft einen Zugang zu Erfahrungen mit mehreren Bedeutungen, die einander nicht vollständig ausschließen und die die verschiedenartigen Facetten des Lebens zeigen.

Der vielleicht amüsanteste thematische Begriff, auf jeden Fall der provokanteste, ist "merda", auf Deutsch "Scheiße". Er wird mit Recht auf ein niedriges, unkultiviertes und oft beleidigendes Sprachniveau zurückgeführt, und gleichzeitig auf eine Ebene, die ich im Rahmen der feministischen Diskussion als hohes Niveau bezeichnen würde, und zwar die Auseinandersetzung, bei der die Beziehung zwischen Natur und Kultur im Fokus steht. Jene Debatte hat jedoch noch nie die Scheiße in ihre Diskussion einbezogen.

Es ist aber sehr lehrreich, die Beziehung zwischen Natur und Kultur im Licht dieses Wortes neu zu betrachten. Die Frauen sprechen so viel vom Körper, aber wo wird unsere Scheiße landen, die von unserem Körper produziert wird und die wir ausscheiden? Es ist auch eine Frage der Technik, wenn wir daran denken, wie unsere Häuser gebaut werden, wie sie mit den Abwassersystemen der Gemeinden verbunden werden. Und es ist auch eine wirtschaftliche Frage, wenn wir uns anschauen, wie die Scheiße für die Landwirtschaft aufbereitet wird. Sie hat auch etwas mit Ökologie zu tun. Insgesamt werden wir mit ihr auf unterschiedliche Weise auf der sprachlichen und der kulturellen Ebene konfrontiert, doch dabei wird sie immer auch beharrlich verdrängt. Denken wir einmal daran, wie dem Essen im Gegensatz dazu ein kultureller Wert zugesprochen wird. Das gemeinsame Essen mit anderen ist ebenso wie das Kochen zu einer Kunst geworden. Über die Scheiße wird dagegen geschwiegen, obwohl sie ja eine wohlbekannte Folge des Essens ist. Wir beschäftigen uns zwar sehr wohl mit dem Körper und mit der Beziehung zwischen Natur und Kultur, aber wir haben es auch mit großen Bereichen der Verdrängung zu tun.

Ich schließe mit den Erläuterungen der Autorinnen zu ihrem Buch. Es geht um den Versuch, das postpatriarchale Denken in einer Öffentlichkeit zu vermitteln, also es dort verständlich zu machen, die von anderen Traditionen, Themenstellungen und anderen Visionen durchzogen ist. Diese Orientierung bietenden Worte in die Öffentlichkeit zu bringen, zieht die Verpflichtung nach sich, mit denen in einen Dialog zu treten, die mit anderen Bildern und auf anderen Wegen unterwegs sind. Das kann bedeuten, Konflikte zu eröffnen, wobei präsent sein muss, dass die Folgen des Dialogs, der Konflikte und der Verschmelzungen und "Verunreinigungen" unvorhersehbar sind.

(Chiara Zamboni, übersetzt von Dorothee Markert)

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