Pressestimme zu "Die weibliche Seite der Ur- und Frühgeschichte"

Aus: Mathilde, Mai/Juni 2014

Frühgeschichte aus Frauensicht

Vielen von uns schwebt beim Gedanken an die frühe Geschichte der Menschheit das Bild von kleinen Menschengruppen vor, die sich mühsam durch ihr gefährliches Leben schlagen. Dabei drängen sich dann oft unwillkürlich Bilder auf, nach denen die Frauen in diesen Sippen die Kinder gehütet und Pflanzen gesammelt haben, während die Männer sich todesmutig in den Kampf mit Mammuts stürzten.

Wie falsch dieses Bild ist, zeigt das reich bebilderte Buch von Barbara Obermüller, das auf 400 Seiten anschaulich darstellt, wie in den verschiedenen Epochen der Frühgeschichte Alltag, Vorstellungswelt und zwischenmenschliche Beziehungen gestaltet waren. Im ersten Teil widmet sich die Autorin einer umfänglichen allgemeinen Darstellung dieser Epochen, um dann im zweiten Teil detailliert und mit zahlreichen Beispielen auf die Entwicklung in Hessen einzugehen. Dabei wird ganz deutlich, dass das Geschlechterverhältnis völlig anders gestaltet war, als es in der nun schon über zwei Jahrtausende währenden patriarchalen Sichtweise suggeriert wird. Um dies zu zeigen, trägt die Autorin eine Fülle von Quellen aus der Altertumswissenschaft, der Archäologie und der Matriarchatsforschung zusammen. Übersichtlich nach Epochen gegliedert nimmt das Buch die LeserInnen auf eine spannende Reise über einen Zeitraum von annähernd 100.000 Jahren mit. Beginnend mit der Altsteinzeit, in der sich der heutige Homo sapiens gegenüber dem Neandertaler durchsetzte, wird deutlich, dass es sehr frühe Zeugnisse für die Verehrung der Frau als Urmutter gibt. Aus den archäologischen Funden lässt sich zeigen, dass es bereits in dieser frühen Zeit Priesterinnen und Schamaninnen gab und die Geschlechterordnung völlig anders als heute gewesen sein muss. Dies zeigen dann auch die folgenden Kapitel, die uns von der Jungsteinzeit über die Bronze- und Eisenzeit zu den KeltInnen, GermanInnen bis zur Zeit der Römischen Besatzung führen.

Immer wieder wird auf die verschiedenen Facetten des Alltagslebens eingegangen und gleichzeitig werden gesellschaftliche Wandlungsprozesse in den jeweiligen Epochen anschaulich erläutert. So entstehen matrilineare Clans in der Jungsteinzeit, in der die erste bäuerliche Kultur in Europa nachweisbar ist. Aus dieser frühen Phase der Menschheit (ca. 6500 bis 2500 vor unserer Zeitrechnung) lassen sich zahlreiche Belege wie Grabbeigaben finden, die zeigen, dass es offensichtlich keine Ungleichwertigkeit der Geschlechter gegeben hat.

Zum Ende der Jungsteinzeit weisen archäologische Funde darauf hin, dass es zu ersten Gewalttaten in Europa kam, die als erste Indizien für die Ausbreitung des Patriarchats gedeutet werden können. Dieser Prozess zog sich allerdings über Jahrtausende hin, so dass es immer wieder faszinierende Beispiele dafür gibt, dass Frauen in gesellschaftlichen Rollen, aber auch in der Mythologie eine herausragende Bedeutung hatten.

Wie nah uns heute noch diese vergangenen Epochen sind, zeigt der zweite Teil des Buches, wo kenntnisreich und detailliert auf die frühe Geschichte in Hessen eingegangen wird. Es ist erstaunlich, dass wir hier in Hessen umgeben sind von Fundstücken, die zeigen, wie weiblich auch hier Geschichte ist – man/frau muss nur verstehen, sie zu entdecken und zu interpretieren. Genau das gelingt Barbara Obermüller in beeindruckender Weise, wobei sie hier auch noch für die jeweilige Epoche eine kurze Darstellung einer fiktiven Frau entwirft, die so deren möglichen Alltag sehr anschaulich macht.

Nach der Lektüre dieses Buches ist ein anderer Blick auf die Geschichte, die letztlich die Geschichte unserer Vorfahren ist, unvermeidlich. Und gerade für uns hier in Hessen ist es nun möglich, unsere Umgebung, die voller Zeugnisse einer weiblichen Seite der Frühgeschichte ist, in ganz anderem Licht wahrzunehmen.

(Marion Möhle)

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