Pressestimme zu "Die weibliche Seite der Ur- und Frühgeschichte"

Aus: Virginia, Oktober 2014

Goldenes Zeitalter?

Dass traditionelle Geschichtsschreibung vorwiegend männerzentriert ist – Götter, Herrscher, Helden – hat schon viele Historikerinnen gestört. Bereits 1973 entdeckte die Höhlenforscherin Marie E. P. König in der Zeichensprache der frühen Menschen Hinweise auf eine Verehrung der Göttin. Gerda Weiler spürte 1984 das verborgene Matriarchat im Alten Testament auf. Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth wurde mit ihren Büchern zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Gerda Lerner, die Pionierin der feministischen Geschichtsschreibung, schuf mit ihrem 1991 auf Deutsch erschienenen Buch Die Entstehung des Patriarchats eine wesentliche Grundlage der Frauenbewegung. Carola Meier-Seethaler befasste sich 1993 mit Ursprung und Wandel großer Symbole. Ein Höhepunkt in dieser hohen Zeit der Matriarchatsforschung war 1993 die Marija-Gimbutas-Ausstellung im Frauenmuseum Wiesbaden: Sprache der Göttin.

All dies ist mehr als zwanzig Jahre her. Viele der oben erwähnten Bücher und Publikationen sind nicht mehr ohne weiteres präsent. So ist eine Autorin gar nicht genug zu rühmen, die sich der Mühe unterzieht, diesen immensen Schatz an Erkenntnissen für eine jüngere Frauengeneration übersichtlich zusammenzufassen und nutzbar zu machen.

Barbara Obermüller, Jahrgang 1937, lebt in einer Patchwork-Familie mit fünf Töchtern, die sie zu dem Werk ermutigten und tatkräftig dabei unterstützten. Ausgehend von den eingangs erwähnten Forschungsergebnissen und ergänzt durch eine Fülle neuerer und neuester Grabungsbefunde schlägt die Autorin einen weiten Bogen durch Jahrtausende der Menschheitsgeschichte in Mitteleuropa. Die Verehrung der Frau als Urmutter und Schöpferin allen Lebens und der großen Göttin als Lebensspenderin und Todbringerin ist aus frühesten Funden belegt. Nicht die monogame Kernfamilie, sondern matrilineare Clans von SammlerInnen und JägerInnen bestimmten die Jungsteinzeit. Ein Grabfund aus der Bronzezeit belegt sogar eine Schmiedin. Reizvoll ist die "Großmutterhypothese" der amerikanischen Anthropologin Kristen Hawkes, die den wichtigen Beitrag älterer Frauen für die menschliche Evolution betont. Die Mutter-Kind-Bindung ist nach neuesten Erkenntnissen der Ursprung der Sprachentwicklung. War dies das Goldene Zeitalter? Zumindest beweisen viele archäologische Funde, dass es lange Zeiten ohne Kriege gab.

Über die Entstehung des Patriarchats herrscht keine Einigkeit. Waren es indogermanische Reitervölker, die hierarchische Strukturen und heroische Kriegsgottheiten hervorbrachten? Frauen wurden Besitz und Kriegsbeute, lediglich noch als Priesterinnen und Heilerinnen geachtet. In der Eisenzeit verliert die allumfassend verehrte dreifaltige Göttin ihre Ganzheitlichkeit, wird aufgespalten in einzelne Wirkungsbereiche und einem Vatergott unterstellt. Dass es aber auch in der Zeit der Kelten noch mächtige Frauen gab, beweist die Prunkbestattung des Fürstinnengrabes von der Heuneburg. Trotz patriarchaler Strukturen finden sich Relikte einer mutterrechtlichen Gesellschaftsform auch bei den Germanen. Ihre Kultstätten waren Bäume und Haine. In Figuren wie z. B. der Frau Holle zeigt sich noch die Ganzheitlichkeit der Großen Göttin.

Während der römischen Besatzung Mitteleuropas war die Stellung der Frau aufgespalten in die wohlhabende Matrona, Hausfrau und Mutter, aber auch in Dienerinnen und Sklavinnen. Die Religion war männlich dominiert, mit weiblichen Nischen. Die weibliche Dreiheit findet sich wieder in zahlreichen Funden der sog. "Matronensteine". Erst die extreme Leibfeindlichkeit des vordringenden Christentums deutete die Frau als Ursprung des Bösen. Aus der griechischen Pandora (Allgeberin) wurde die Verursacherin aller Übel der Welt.

In der 2. Hälfte des Buchs widmet sich die Autorin Fundstellen in Hessen. Hier wäre allerdings eine Landkarte dringend erforderlich! Die akribische Aufzählung von Funden und die genaue Beschreibung der Lebensverhältnisse wird an sieben Stellen unterbrochen durch fingierte Interviews mit Frauen verschiedener Zeitalter. In einfacher Sprache berichten diese aus ihrem aktuellen Leben. Diese Passagen sind durchaus auch für ältere Kinder geeignet. Hinweise auf Steinkreise, Menhire, Opferstellen, "Wildweibchensteine", christliche Kirchen auf heiligen Quellen und Märchenmotive im hessischen Sagenschatz dürften vorwiegend Bewohnerinnen dieses Umkreises interessieren.

Etwa 190 farbige Abbildungen und zahlreiche Literaturangaben und Hinweise auf Webseiten machen das Werk zu einem unerschöpflichen Fundus für Frauengeschichte.

(Christa Mathies)

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