Pressestimme zu "Wo die freien Frauen wohnen"

Aus: Mathilde, November/Dezember 2014

"Ich bin die Tochter der Matriarchin"

Bei den Mosuo ist die Initiation der Mädchen besonders wichtig, denn sie setzen die Ahnenreihe fort.

Die Mosuo sind ein Volk von ca. 40.000 Menschen. Sie leben in Südchina um den Lugu-See und in den Bergregionen zwischen den Provinzen Yünnan und Sichuan in matriarchalen Gemeinschaften, die über die Verwandtschaft in der mütterlichen Linie aufgebaut sind.

In dem neuen Film "Wo die freien Frauen wohnen" von Uschi Madeisky und Daniela Parr wird auch die Initiation von Nadschulame gezeigt. Sie ist neun Jahre alt, ihre Mutter hat dieses Alter für die Initiation gewählt, weil die Neun eine heilige Zahl ist. Sie kämmt die Haare der Tochter, flicht ihr einen Zopf und wird sie später zeremoniell ankleiden. Das Mädchen wird zum ersten Mal die Tracht einer jungen Mosuo-Frau tragen, mit der sie mit allen Rechten und Pflichten in die Mutterfamilie aufgenommen wird. Die Mutter legt ihr auch Ohrringe an, die die Tochter nur für  die Initiation tragen wird und jederzeit weitergeben kann. Für die Mosuo hat persönliches Eigentum keine Bedeutung.

An diesem Tag bezeugt das Mädchen: "Ich bin die Vertreterin der Großen Mutter, Gan mu und die Vertreterin des Mutter-Sees, Chiene Me. Ich bin die Tochter der Matriarchin. Wenn ich selbst einmal die große Mutter dieses Hauses und Hofes sein werde, werde ich immer versuchen, allen gerecht zu werden. Ich werde der Gemeinschaft nützen und immer daran denken, dass ich ohne meine Ahnen, meine geliebten Verwandten und freundlichen Nachbarn gar nichts bin."

Eine große Rolle spielen bei dem Ritual die Ahnen, die aufgerufen werden, um sie um ein langes Leben und Glück für die zukünftige Mutter des Hauses zu bitten. In den Kindern werden die Ahnen wiedergeboren, mit dem Ritual kehrt eine Ahne wieder in dieser Familie ein.

Zur Initiation werden Verwandte und benachbarte Clans eingeladen und es wird ein großes Fest gefeiert. Auch für Jungen gibt es ein Initiationsfest, es ist für sie weniger bedeutsam, denn die Geschicke aller werden von den Frauen gelenkt. So sind bei den Mosuo alle gut versorgt und sie leben in Heiterkeit und Gelassenheit zusammen.

Wenn Nadschulame älter ist, wird sie keine neue Kleinfamilie gründen, sondern in ihrer Ursprungsfamilie bleiben. Wie alle Mosuofrauen wird sie ein Blumenzimmer für sich allein haben. Blumenzimmer wird dieser Raum genannt, weil Frauen auch als Blumen bezeichnet werden. Hier kann sie ungestört mit ihren Freundinnen zusammen sein und wenn sie dazu bereit ist, auch einen Liebhaber empfangen, der sie nur des Nachts besuchen wird. Mosuo-Frauen suchen sich ihre Liebhaber aus, wobei sie häufig lang andauernde Beziehungen eingehen, aber auch ihre Geliebten wechseln, das entscheiden sie für sich. Eifersucht kennen weder Männer noch Frauen.

Die erotische Liebe ist nicht an die soziale Beziehung gekoppelt, die leicht zerbrechen kann. Bezugspersonen der Kinder sind die Mütter und ihre Geschwister, der soziale Vater ist der Mutterbruder. Das gibt den Kindern eine große Sicherheit. Der biologische Vater lebt im Clan seiner Mutter und sorgt sich dort um die Kinder seiner Schwestern, die denselben Clannamen tragen. Gewalt, auch gegen Frauen und Kinder ist bei den Mosuo unbekannt.

Viele junge Mosuo – Frauen und Männer – arbeiten inzwischen in größeren Städten oder im Tourismus am See. Der Film geht auch der Frage nach, wie die Mosuo den zunehmenden Tourismus mit ihren matriarchalen Strukturen vereinbaren. (Barbara Obermüller)

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